Melancholie: eine Zu_tat für verbindende Wege aus der sozio-ökologischen Krise

Wir leben in einer alles entscheidenden Dekade. Was in den kommenden Jahren in Sachen Klima- und Umweltschutz passiert (oder nicht passiert), bestimmt maßgeblich den weiteren Verlauf der vielschichtigen sozio-ökologischen Krisen, in denen der Planet Erde und seine Bewohner:innen sich befinden. Massensterben vielfältiger Lebewesen und Ökosysteme, vermehrte Katastrophen, Ressourcenknappheiten und scheinbar alles durchdringende, systemreproduzierende Ausbeutungsverhältnisse: Tragweite, Komplexität und Lösungsdringlichkeit dieser Probleme können eine Vielzahl an emotionalen Reaktionen hervorrufen. Die Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Angst angesichts dieser Herausforderungen werden in Fachkreisen unter dem Begriff ökologische Trauer oder auch ökologische Melancholie zusammengefasst.

Melancholie, ein Zustand anhaltender Trauer, hat oft einen bitteren Beigeschmack. Allzu oft wird sie verdrängt oder gar nicht erst gespürt: „Wenn ich diesen Weltschmerz zulasse, drohe ich in Hoffnungslosigkeit und Schuldgefühlen zu versinken.“ „Meine Gefühle sind unwichtig im Vergleich zu anderen, die viel schlimmer betroffen sind.“ „Jetzt ist keine Zeit zum Fühlen, Handeln ist angesagt.“ Es scheint leichter, den Gefühlen wenig Raum zu geben und sich stattdessen ins Tun zu stürzen. Doch auf Dauer kann genau dieses Muster dazu führen, dass Umweltaktivist:innen apathisch werden, ihre Motivation und Handlungsfähigkeit verlieren und schlimmstenfalls sogar ausbrennen. Auf dem Aktivismus_spektrum verorte ich dabei jede:n, d* sich sozio-ökologischer Krisen bewusst ist und mit achtsamem Handeln versucht, zu Lösungen beizutragen.

Was nun, wenn genau das Zulassen von Gefühlen der Trauer eine politische, kulturverändernde, gemeinschaftsstiftende Zu_tat ist, die es braucht, um nachhaltig aktivistisch tätig zu bleiben? Diesbezüglich gibt es viele Anknüpfungspunkte zu anderen sozialen Bewegungen und deren Denkweisen bzw. Praktiken, die auch in der Umweltbewegung mehr und mehr Fuß fassen.

Auch wenn viele Menschen ökologische Trauer punktuell, unterschwellig oder auch sehr intensiv wahrnehmen, gilt die mehr-als-menschliche Welt und ihr Verlust in sogenannten westlichen Kulturkreisen grundsätzlich nicht als betrauernswert. Schuld daran ist das jahrhundertelange kulturelle Projekt der Trennung von allen anderen Lebewesen und der Erhebung des Menschen über die sogenannte Natur. Auch bestimmte Menschengruppierungen wurden als „natur-näher” und somit als minderwertig gegenüber der vermeintlichen Evolutionsspitze des weißen, heterosexuellen, able-bodied, cis-Mann konstruiert, um so die Ausbeutung seiner Mitwelt zu legitimieren. Diese wertenden Dualismen ziehen sich bis heute durch alle möglichen Lebensbereiche und dienen als ­Basis verwobener Diskriminierungen.

Laut Judith Butler kann jedoch das öffentliche Betrauern von Subjekten, die in der Dominanzkultur als nicht betrauernswert gelten, zu einer Werteverschiebung führen, wie z.B. die Black Lives Matter- oder AIDS-Bewegungen zeigen. Auch die Umweltbewegung teilt in ihren Aktionen immer öfter öffentlich Trauer, z.B. Trauermärsche von Extinction Rebellion oder tiefenökologische Rituale, um auf den intrinsischen, vom Menschen unabhängigen Wert der mehr-als-menschlichen Mitwelt hinzuweisen. Diesen anzuerkennen und ihre Verluste zu betrauern, untergräbt westlich-individualistisch-dualistisch-­ausbeuterische Normen und führt zu mehr Bewusst_sein ob menschlicher Verbundenheit und Beziehung zu einem großen Gefüge. Es handelt sich dabei um ein Trauern-mit, welches ein Existieren durch und in Unterschiedlichkeiten bekräftigt. Auch wenn die vielen Netze, in die wir verwoben sind, oft nur schwer in ihrer Ganzheit be_greifbar sind, tragen sie uns täglich: von dem Boden mit all seinen Regenwürmern und Mikroben, auf dem unsere Frühstücksflocken wuchsen, zu den Händen, die sie weiterverarbeitet haben, zum Baum, der das CO2 des Transport-LKWs aufnimmt – eine unendlich fortsetzbare Geschichte. Jedes Puzzleteil zählt, fällt auf, wenn es fehlt.

Uns gemeinsam der emotionalen Komponente von Umweltaktivismus zu widmen, verbindet: einerseits mit dem Betrauerten und andererseits die Trauernden. Die globalen, inter­generationellen und Interspezies-Gemeinschaften, die daraus entstehen können, bieten die Möglichkeit, verkrustete binäre Systeme, ihre verstrickten Wertungen, Trennungen, Hierarchien und damit verknüpften Ausbeutungslegitimationen zu überholen. An ihre Stelle treten Praktiken der machtkritischen, emotional tiefen Verbundenheit, Solidarität und kollektiven Fürsorge, die einen konstruktiven, nachhaltigen Umgang mit den sozio-ökologischen Krisen ermöglichen.

Trauen wir uns also unserer ökologischen Melancholie Raum zu geben, sie gemeinsam zuzulassen, sie als ständige Erinnerung an unsere verwobene Verbundenheit zu ehren. Sie kann eine potente Zu_tat für die Bildung solidarischer Gemeinschaften und Werkstätten des Kulturwandels sein.

 


Levi Ezra Mühlbacher ist gerade in Wien lebende:r, queer-feministische:r Umweltaktivist:in, machtkritische:r Beweger:in, und schafft leidenschaftlich gerne Räume für emotionstriefenden, nachhaltigen, intersektionellen Aktivismus.


Literatur:

Judith Butler, Precarious life: The powers of mourning and violence. London & New York 2006.
Donna Haraway, Staying with the trouble. Durham 2016.
Joanna Macy, Molly Brown, Für das Leben! Ohne Warum. Paderborn 2017.
Catriona Mortimer-Sandilands, Melancholy natures, queer ecologies. In: Catriona Mortimer-Sandilands, Bruce Erickson (Hg.), Queer ecologies: Sex, nature, politics, desire. Bloomington 2010, S. 331–358.