Künstlerische Positionen: Wasser

Drei künstlerische Beiträge begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen. 

Bildstrecke: Lobau Listening Comprehensions
Mittelposter: Sarah Bildstein
Backcover: Mohamed Abdelkarim

In der Serie 100 Spectres verwandelt die Künstlerin Sarah Bildstein Wasserproben aus aller Welt in chromatographische Malereien. Ausgangspunkt ist die Frage, welche Spuren Wasser als Träger ökologischer, sozialer und geopolitischer Prozesse in sich trägt. Bild Nr. 100 Eritrea, Tio, Red Sea (Mittelposter) verweist auf eine Region, in der die Folgen von Klimawandel und Wasserknappheit besonders sichtbar werden. Die Serie kombiniert chemische Analysen der Proben mit einem Farbsystem, das wissenschaftliche Parameter und pendelgestützte Erkundungen zusammenführt. Im chromatographischen Prozess entstehen fragile Erscheinungen, die die Verletzlichkeit globaler Hydrologien widerspiegeln: Wasser als vernetztes System, als Ressource im Konflikt, als zunehmend bedrohte Grundlage des Lebens. Die Arbeiten verweisen auf die Dringlichkeit und Komplexität der Herausforderungen rund um Wasser in einer sich erwärmenden Welt.

„Wir waten nahe am Ufer im seichten Wasser, das Mikrofon auf die Wasseroberfläche gerichtet, hören das dumpf-tiefe Geräusch von glatten Steinen, die unter unseren Füßen aneinanderreiben, die schrillen Stimmen der Sandkörner dazwischen, das gelegentliche Schmatzen von Pappelblättern und anderem sich langsam zu Gatsch verwandelnden Zeug, das in die Dechantlacke gefallen ist. Unsere Ohren haben gelernt wegzuhören, sind auf Vögel und Wasserplätschern konzentriert, aber auf der Aufnahme ist auch das Klackern eines Güterzugs am Weg zum Ölhafen, Hundebellen, das Knistern eines Müsliriegel-Papierls, auf das wir draufgetreten sind, und das ewige Rauschen der großen Autostraßen, die uns umgeben. Die Lobau ist ein Cyborg, eine vermischte Naturkultur, aufgeladen mit unterschiedlichen menschlichen Begehren und zahllosen nicht-menschlichen Bewohner*innen.“ Lobau Listening Comprehensions (LLC, https://lobaulistening.at/) ist der künstlerisch-forschende Versuch, diesem Cyborg zuzuhören und zieht sich als Bildstrecke durch dieses Heft.

I Might Learn More from a Fish (Backcover) ist eine Serie spekulativer Zeichnungen, die eine Landschaft der Brutalität darstellen, geprägt von Konflikten innerhalb eines biomechanischen Systems invasiver und einheimischer Arten. Diese hybriden Ökosysteme werden den Überresten einer vergangenen Menschheit gegenübergestellt. Die Arbeit versteht die Überlebens-, Widerstands- und Abwehrmechanismen von Wasserlebewesen als Möglichkeit von nicht-menschlichen Perspektiven auf aquatische koloniale Verflechtungen zu lernen. Mohamed Abdelkarim lebt und arbeitet zwischen Kairo, Rotterdam und Wien und ist derzeit Doktorand an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Abdelkarim ist ein multidisziplinärer Künstler, Schriftsteller und Forscher, der in den Bereichen Performance, Film, Installation, Zeichnung und Poesie arbeitet. Aktuell konzentriert er sich auf die Wirkmächtigkeit der Landschaft als Zeugin „einer Geschichte, die wir verpasst haben, und einer Zukunft, der wir noch nicht begegnet sind”.