Internationale Verbindung als Arbeitsstruktur

Die International Association of Art/Association Internationale des Arts Plastiques (IAA/AIAP) steht seit den 1950er Jahren für eine bis heute aktuelle Idee: Bildende Künstler:innen brauchen grenzüberschreitende Räume der Verständigung, der Solidarität und der gemeinsamen Interessenvertretung.

Die Satzung nennt internationale kulturelle Zusammenarbeit, bessere wirtschaftliche und soziale Bedingungen sowie die Verteidigung materieller und moralischer Rechte als zentrale Ziele. Diese Sprache trägt Spuren ihrer Entstehungszeit. Der Anspruch bleibt jedoch gegenwärtig. Kunst entsteht nicht isoliert. Künstlerisches Arbeiten ist eingebunden in gesellschaftliche, politische und ökonomische Bedingungen. Deshalb braucht es Organisationen, die Austausch nicht dem Zufall überlassen, sondern Strukturen schaffen, in denen Erfahrungen geteilt, Positionen entwickelt und Interessen vertreten werden können. Ich [M.N.] erlebe diese Arbeit seit vielen Jahren als Sprecher der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) in Deutschland und im Vorstand der IAA Europe. Gerade in Zeiten wachsender Spannungen, Unsicherheit und prekärer Arbeitsbedingungen zeigt sich, wie wichtig belastbare internationale Netzwerke sind.

Auch die IG Bildende Kunst und die IGBK sind in diesem Zusammenhang verortet. Beide arbeiten seit vielen Jahren als Nationalkomitees innerhalb der IAA/AIAP zusammen. Die IGBK wurde 1957 gegründet, zunächst mit dem Ziel, Künstler:innen aus Deutschland wieder international einzubinden. Heute stärkt sie mit Projekten, Austauschformaten und kulturpolitischer Arbeit internationale Vernetzung in der bildenden Kunst.

Internationale Zusammenarbeit als Praxis

Internationale Künstler:innenorganisationen übernehmen mehrere Rollen zugleich. Sie sind Netzwerke, weil sie Begegnungen, Wissenstransfer und gegenseitige Unterstützung ermöglichen. Sie sind Interessenvertretungen, weil sie Themen wie faire Vergütung, soziale Absicherung, Urheber:innenrecht, Mobilität und Kunstfreiheit sichtbar machen. Und sie sind Sprachrohre, weil sie gegenüber Institutionen, Politik und internationalen Strukturen deutlich machen, dass die Bedingungen künstlerischer Arbeit nicht allein national gedacht werden können. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Wenn Künstler:innenverbände aus unterschiedlichen Ländern über Ausstellungsvergütung und Honorare, Diversität, Altersarmut, Künstliche Intelligenz, Urheber:innenrecht oder die Folgen von Krieg und autoritären Entwicklungen sprechen, entstehen Vergleichsräume. Sichtbar wird, wo ähnliche Probleme bestehen, welche Modelle anderswo entwickelt wurden und wie solidarischer Austausch unterstützt werden kann.

Ein Beispiel dafür war der Austausch zwischen IG Bildende Kunst und IGBK im Rahmen des Projekts visual artists | diverse conditions. 2023 und 2024 standen Verbände und Künstler:innenvereinigungen in Europa unter Diversitätsaspekten im Mittelpunkt. Auch IAA Europe sowie weitere europäische Nationalkomitees waren eingebunden. Die dort entwickelten Perspektiven und Fallbeispiele wirken bis heute nach. 2025 organisierten IGBK und IG Bildende Kunst gemeinsam eine digitale Info-Session zum Thema „Senior Artists“ für Künstler:innen aus Deutschland und Österreich. Mehr als 100 Personen nahmen teil. Die Arbeitsgruppe „Fokus: Senior Artist“ der IG Bildende Kunst stellte ihre Arbeit vor und zeigte, wie wichtig grenzüberschreitender Wissensaustausch dort ist, wo Künstler:innen mit vergleichbaren Herausforderungen konfrontiert sind.

Gemäß der regionalen Struktur der UNESCO bildet IAA Europe eine von fünf Weltregionen innerhalb der IAA/AIAP. Rund 40 Künstler:innenverbände aus EU- und Nicht-EU-Ländern sind dort aktiv. Zu den zentralen Themen gehören bessere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung sowie ein gleichberechtigtes Feld der bildenden Kunst. Über Generalversammlungen, Symposien und Arbeitsgruppen entstehen gemeinsame Positionierungen – etwa zu Künstlicher Intelligenz, Arbeitsbedingungen im Kultursektor oder Kunst in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung. Dabei geht es nicht nur um Forderungen. Internationale Begegnungen verändern Perspektiven. Sie schaffen Verbindungen, die über institutionelle Kooperationen hinausgehen. Viele Kontakte entstehen zunächst über Diskussionen oder Projekte und entwickeln sich später zu langfristigen kollegialen Beziehungen und solidarischen Bündnissen.

Auch global wird daran gearbeitet, die Zusammenarbeit der Verbände zu stärken und transkontinentale Verbindungen auszubauen. Mit der Übergabe der IAA-Leitung an das koreanische Nationalkomitee 2023 verschieben sich Perspektiven stärker über Europa hinaus. Die Verbindung zur UNESCO bleibt ein wichtiger Bezugspunkt. Internationale Künstler:innenorganisationen sind deshalb keine abstrakten Dachstrukturen. Sie sind Orte, an denen Solidarität praktisch wird: durch Austausch, gegenseitige Sichtbarkeit und das Bewusstsein, dass künstlerische Freiheit, soziale Rechte und demokratische Öffentlichkeit eng verbunden sind. 


Marcel Noack ist freischaffender Künstler, Fotograf, Kurator und Herausgeber mit internationalen Ausstellungen und Publikationen. Er betreibt den Kunstraum Ping•Pong. Er ist Vorsitzender des BBK Bundesverbands, Sprecher des IGBK-Vorstands und engagiert sich im Vorstand der IAA Europe und der IAA/AIAP. Er lebt in Leipzig und in der Lausitz.
Constanze Brockmann ist seit 2024 Geschäftsführerin der Internationalen Gesellschaft der Bildende Künste. Sie lebt in Berlin.