IG Bildende Kunst wird 70! – eine Oral History Reihe

Teil II: Gespräch mit Daniela Koweindl

IG Bildende Kunst: Daniela, du bist seit 25 Jahren in der IG Bildende Kunst als kunstpolitische Sprecherin tätig. Was war dein erster Kontakt mit der IG Bildende Kunst?

Daniela Koweindl: Das war Ende der 1990er Jahre, damals noch BVÖ (Berufsverband Bildender Künstler Österreichs). Eine Studienkollegin startete 1998 das Online-Magazin wink.at – eine Plattform für Kunst und Kultur, die ein eigenes Ressort für Kulturpolitik hatte. Wir wollten einen Beitrag über die Sozialversicherung von Künstler:innen schreiben, die damals in Verhandlung war. Aus diesem Anlass habe ich Interessenvertretungen und Akteur:innen kontaktiert, auch der BVÖ war dabei. Die Formen der sozialen Absicherung waren je nach Sparte sehr unterschiedlich. Das hat uns überrascht.

Je nachdem, welche künstlerische Tätigkeit ich ausübe, konnte ich (nicht) oder musste ich mich sozialversichern. Aus dieser Recherche ist letztlich eine Artikel-Serie entstanden. Auch im Falter haben wir einen Beitrag dazu veröffentlicht.

IG Bildende Kunst: Im Archiv der IG haben wir eine deiner ersten Kolumnen in einer Ausgabe vom Bildpunkt aus 2001 gefunden, es ging um soziale Absicherung. Es war scheinbar eine Zeit, in der es eine Novelle nach der anderen gab. 2001 ist der Künstler-Sozialversicherungsfonds (KSVF) gegründet worden, also eine intensive Zeit auch für die Kolleg:innen hier. Was waren deine ersten Aufgaben?

Daniela Koweindl: Am Anfang stand natürlich viel Einschulung und Ein-arbeitung. Sebastian Weissenbacher war damals Vorsitzender und meine Hauptansprechperson: Wo wird gerade was verhandelt? Was ist gelungen? Welche Fragen stellen sich jetzt mit dem KSVF? Das KSVF-Gesetz war damals zwar beschlossen und mit 1.1.2001 in Kraft getreten, aber wie das in der Durchführungspraxis funktioniert, das war noch in Arbeit.
Ein markanter Unterschied gegenüber dem Künstler:innenhilfefonds war, dass zuvor bildende Künstler:innen, die ein Kunststudium abgeschlossen hatten, automatisch den künstlerischen Nachweis hatten, um einen Zuschuss zu erhalten. Nun hieß es im KSVF-Gesetz aber: “Künstlerin/Künstler im Sinne dieses Bundesgesetzes ist, wer in den Bereichen der bildenden Kunst, der darstellenden Kunst, usw. im Rahmen einer künstlerischen Tätigkeit Werke der Kunst schafft.” Es definiert sich über das, was ich tue, ob das künstlerisch ist. Unabhängig davon, ob ich eine Ausbildung abgeschlossen habe oder nicht.

IG Bildende Kunst: Wer ist Künstler:in? Was ist Kunst? Wenn wir die alten Protokolle lesen, tragen diese Fragen auch immer eine elitäre Haltung mit sich: “Das ist Eissalon-Kunst, und das ist gute Kunst”.

Daniela Koweindl: Diese Fragen stellen sich immer bei der Aufnahme neuer Mitglieder. Als ich hier begonnen habe, gab es keine Kriterienliste für die Aufnahmen. Das ist ein paar Jahre später in einem Arbeitsprozess entstanden. Wir wollten es auch für neue Mitglieder nachvollziehbar machen, nach welchen Kriterien sie aufgenommen werden.

IG Bildende Kunst: Das ist jetzt ausführlich nach drei Kriterien geregelt. Das ist wichtig, weil wir viele Mitglieder haben, die aus unterschiedlichen Ländern kommen, wo es auch unterschiedliche Abschlüsse gibt. Dafür müssen wir offen sein. Daniela, Du hast mit vielen verschie denen Vorständen in der IG zusammengearbeitet. Aus deiner heutigen Perspektive: Wie haben sich die Themen, mit denen sich die IG auseinandergesetzt hat, verändert? 

Daniela Koweindl: Die soziale und ökonomische Absicherung von Künstler:innen war und ist immer besonders wichtig gewesen. Das entspricht dem Vereinszweck.

Allerdings war ein wichtiger Moment für mich, als antirassistische Arbeit sich in der IG niedergeschlagen hat. Das hat ungefähr angefangen als Martin Krenn im Vorstand war. Wir haben uns sehr intensiv mit dem Fremdenrecht beschäftigt: Ausschlusspolitiken anhand von Staatsbürger:innenschaften, Visa-Anforderungen, Aufenthaltspapieren. Das fand Kontinuität mit Petja Dimitrova, die nach Martin Krenn Vorsitzende war. 2006 haben wir das Positionspapier Freiheit der Kunst! Und Bleiberecht für alle! veröffentlicht. Später folgten ein Problemkatalog und ein Forderungskatalog, wo wir uns sehr detailreich mit Hürden und Barrieren bei internationaler Mobilität von Künstler:innen ohne EU/EWR-Pass auseinandergesetzt haben.

Im Positionspapier war uns wichtig, eine größere Perspektive aufzumachen und nicht nur Partikularinteressen zu vertreten. 2005 wurde zudem die UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen verabschiedet. Auch Österreich hat sich zur Umsetzung der UNESCO-Konvention verpflichtet. Zu der Zeit hatten wir aber immer noch eine Schwarz-Blaue Regierung, in der eine enorm rassistische Gesetzgebung stattfand.

IG Bildende Kunst: Um diese Zeit gab es auch Ausstellungen, die diese Themen nach außen transportierten. Ein Positionspapier ist zwar wichtig, aber um überhaupt an das Thema ranzukommen, sind vielleicht auch andere Formate notwendig.

Daniela Koweindl: In dem Moment, wo im Vorstand Personen waren, die sich aufgrund ihrer eigenen Biografie mit dem Fremdenrechtswesen herumschlagen mussten, war eine enorme Expertise da und gleichzeitig ein starkes politisches Bewusstsein. Das hat sich auch im Ausstellungsprogramm niedergeschlagen, und das hat widergespiegelt, was in der Kunstszene damals Thema war.

Der Kunstbetrieb ist international, das erfordert Mobilität und betrifft auch viele unserer Mitglieder. Den Blick dorthin zu richten, ist natürlich ganz stark dem Know-how von Vorstandsmitgliedern und Mitarbeiter:innen geschuldet. Das hat auch sehr dazu beigetragen, wie sich die IG weiterentwickelt hat.

In den Vorbereitungen auf dieses Gespräch ist mir aufgefallen, dass es etwa zeitgleich den ersten MayDay gab. Die Organisierung von prekär Tätigen, die den 1. Mai, den internationalen Tag der Arbeiter:innenbewegung, auch als internationalen Kampftag für das gute Leben für alle deklarierte, hat in Österreich 2005 begonnen. Als wir damals das Wort „prekär“ in den Mund genommen haben, kam schnell der Vorwurf: Was ist das schon wieder für ein neues Fremdwort?

In der Organisierung von MayDays waren Interessenvertretungen aus dem Kunst- und Kulturbereich von der ersten Stunde an dabei. Von Anfang an war uns klar: Es geht nicht nur um prekäres Arbeiten, es geht um das prekäre Leben. Prekär leben heißt auch: Wenn ich Aufenthaltspapiere brauche, die ich regelmäßig verlängern muss; wenn ich eine unsichere Wohnsituation habe, wenn ich von Armut betroffen bin, so ist das ein äußerst prekäres Leben. Es war uns in der May-Day-Organisierung immer sehr wichtig, diese Perspektiven zu verschränken.

Aus der May-Day-Organisierung heraus entstand später das Kollektiv PrekärCafé. Das PrekärCafé hat ab dem Ende der Nullerjahre an einer Anlaufstelle für Personen ohne Arbeits- und/oder Aufenthaltspapiere gearbeitet, die wir heute als UNDOK kennen. Dahinter steckt der 2014 gegründete Verein zur gewerkschaftlichen Unterstützung von undokumentierten Arbeitenden. Auch die IG Bildende Kunst ist Gründungsmitglied.

IG Bildende Kunst: Als ich (Vasilena) 2012 in den Vorstand gekommen bin, waren wir alle ähnlich prekär. Daraus ergab sich das Anliegen für die Verankerung der fairen Bezahlung für Künstler:innen. Es war ein langer Weg, bis die Kampagne pay the artist now startete. Übers Geld Reden war ein anderer Schwerpunkt, den es auch schon vor meiner Zeit gab. Wie hast du die Entwicklung von diesem Thema für die IG in Erinnerung?

Daniela Koweindl: Empfehlungen für faire Bezahlung von Künstler:innen haben wir bei unseren Archiv-Recherchen gefunden. Das war zwar immer Thema, aber so konsequent, wie wir dieses Anliegen ab 2016 mit der Kampagne pay the artist now! verfolgt haben, ist es wahrscheinlich in der Geschichte der IG zuvor nicht zu finden.

IG Bildende Kunst: Diese Entwicklung hat auch sehr viel mit der Frage zu tun: “Wovon leben wir, und womit verdienen wir unser Geld?” Das waren Fragen, um die wir in der IG ständig herumgekreist sind.

Daniela Koweindl: Unter dem Slogan Über Geld Reden haben wir zunächst einige Jahre Auseinandersetzung angestoßen, auch viel recherchiert: Was gibt es an Verträgen? Wie werden Honorare geregelt, wo wird überhaupt bezahlt? Wir wollten uns ein Bild machen. Ich finde, das ist ein weiteres schönes Beispiel dafür, wie Erfahrungswissen aus dem Vorstand die politische Arbeit der IG Bildende Kunst gestaltet. Ab den 2010er-Jahren sind auch auf internationaler Ebene regelmäßig Honorarempfehlungen aufgetaucht. Das war für uns sehr wertvoll. 2021 haben wir schließlich in enger Zusammenarbeit mit der Künstler*innen Vereinigung Tirol unsere Empfehlungen entwickelt und veröffentlicht.

IG Bildende Kunst: Die faire Bezahlung ist aber noch nicht ganz erreicht. Auch die Förderbudgets werden kleiner. Viele von uns zweifeln. Soll ich noch weiter mit Fair Pay kalkulieren?

Daniela Koweindl: Seit März 2025 gibt es ein Regierungsprogramm mit einem sehr ambitionierten Kulturkapitel. Viele unserer Anliegen sind darin verankert. Gleichzeitig werden genau diese Vorhaben von der gleichen Regierung, die sich zu diesem Programm entschlossen hat, an die Wand gefahren, wenn die Budgetkonsolidierung mit dieser Sparpolitik weiterverfolgt wird. Mit den Budgetkürzungen, die schon stattgefunden haben, ist faire Bezahlung einfach nicht zu erreichen. Das ist völlig klar. Und wenn ich Budgets nicht anpasse, um faire Bezahlung zu gewährleisten, hat das nur zur Folge, Personen auszuschließen. 

Wenn ich kulturelle Vielfalt gewährleisten möchte – und Österreich hat sich dazu verpflichtet –, muss ich auch Möglichkeiten schaffen, dass Personen mit unterschiedlichen Biografien und Ressourcen Kunst und Kultur produzieren und daran teilhaben können. Das fängt beim Geld an. Das hat mit Räumen zu tun, in denen Kunst entsteht und gesehen werden kann. Kunst und Kultur erweitern Horizonte, fördern Demokratie. Dort kommen die unterschiedlichsten Personen zusammen – im Idealfall. Das braucht aber ein entsprechendes Programm. Das braucht entsprechenden politischen Willen. Das braucht entsprechende Förderungen. 


Daniela Koweindl ist Antifaschistin und ein Fan von Selbstorganisierung.
Vasilena Gankovska ist kunstpolitische Redakteurin von Bildpunkt.
Guilherme Pereira Maggessi de Olivera ist Künstler, Grafik-Designer und seit 2024 Teil vom Vorstand der IG Bildende Kunst.

Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der IG Bildende Kunst im Jahr 2026 führen wir, Guilherme Maggessi und Vasilena Gankovska, Gespräche mit (ehemaligen) Vorstandsmitgliedern und Mitarbeiter:innen, die über ihre Tätigkeit im Verein erzählen und Anekdoten über das kunstpolitische Geschehen vergangener Jahre teilen. Das zweite Gespräch fand mit Daniela Koweindl statt.