Globale soziale Rechte im Buch

Die Debatten um globale soziale Rechte basieren auf einem Verständnis von sozialer Ungleichheit als einem komplexen Phänomen: Es umfasst vertikale, ökonomische Ungleichheiten ebenso wie horizontale Differenzen (Geschlecht, Alter, ethnische Zuschreibung) und ist zudem kulturell überformt, wird gelebt und reproduziert. Die Diskurse und Kämpfe erleben zudem verschiedene Konjunkturen. Während der Sammelband von Roland Klautke und Brigitte Oehrlein noch aus Zeiten einer starken Rezeption des Themas stammt (2008) und den Kampf um globale soziale Rechte als „Wegweiser in eine ‚andere‘ Welt“ diskutiert, ist es gegenwärtig eher still geworden um das Konzept. Aber auch früher schon wurde im Kontext des künstlerischen Internationalismus implizit für globale soziale Rechte gestritten, etwa im Engagement von Künstler*innen für antikoloniale, nationale Befreiungsbewegungen in den 1970er Jahren. Es entstanden precarious solidarities über die Kontinente und Feldgrenzen hinweg, von denen der gleichnamige Band einige am Beispiel der Artists for Democracy in Aufsätzen und Bildern diskutiert. In aktuelleren Herangehensweisen gehen etwa Anja Weiß und Nicolle Pfaff der globalen sozialen Ungleichheit vor allem mit kulturtheoretischen Modellen und einem Fokus auf Fragen der Bildung nach. Globale soziale Rechte sind den Autorinnen zufolge nicht nur für die Entrechteten wichtig, sondern für alle. Weil Ungerechtigkeit „legitime kollektive Entscheidungen“ delegitimiert, ist sie kein Problem von Benachteiligten und Marginalisierten allein, sondern betrifft das Gemeinwesen überhaupt. Marion Möhle bespricht nach einem Überblick über die Theorie globaler sozialer Ungleichheit auch deren spezifische Dimensionen (Armut, Hunger, Gesundheit, Bildung, Geschlecht und Einkommen). Damit ergänzt sie die kulturtheoretische Perspektive und zeichnet die Debatten anhand konkreter Politikfelder nach. Irritierend ist nicht nur, dass sie eine Welt ohne soziale Ungleichheit nicht für denkbar hält, sondern vor allem die unfassbar einfältige Begründung für diese Einschätzung: „Menschen sind nun einmal unterschiedlich“. Soziale und kulturelle Differenzen sind für Jule Govrin gerade der Ausgangspunkt ihres Plädoyers für eine Gleichheit von unten, die sie als „relational, differentiell und praktisch“ versteht. Diese müsse in neuen Beziehungspraktiken erkämpft und umgesetzt werden. Govrin bezeichnet ein „Bewusstsein über asymmetrische Beziehungen“ als Voraussetzung für solidarische Praktiken. Aber Bewusstsein ist nicht alles, auch verkörperte Strukturen und strukturierte Körper gilt es analytisch in den Blick zu nehmen und politisch anzugehen. In Anlehnung an Pierre Bourdieu spricht sie von der Notwendigkeit, aber auch von der Möglichkeit von „affektiver Gegenhabitualisierung“ als Einübung von neuen, solidarischen Beziehungsweisen. Darin hallt auch der Ansatz der anarchistischen Strömungen in der Ersten Internationale nach, die neue Gesellschaft in den Organisationsformen der Gegenwart bereits vorwegzunehmen. Davon setzten sich Marx und Engels ab, gemeinsam war anarchistischen und marxistischen Ansätzen aber der Anspruch, das Menschenrecht global und für alle zu erkämpfen.

→ Wing Chan und David Morris (Hg.): precarious solidarities. Artists for Democracy 1974–77. London 2023 (Afterall).
→ Jule Govrin: Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit. Berlin 2025 (Suhrkamp Verlag).
→ Roland Klautke/ Brigitte Oehrlein (Hg.): Globale soziale Rechte. Zur emanzipatorischen Aneignung universaler Menschenrechte. Hamburg 2008 (VSA Verlag).
→ Marion Möhle: Globale soziale Ungleichheit. Über die Ver­ teilung von Ressourcen. Stuttgart 2023 (Verlag W. Kohlhammer).
→ Anja Weiß und Nicolle Pfaff: Soziale und globale Ungleichheit. Frankfurt am Main 2025 (Wochenschau Verlag).


Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker in Wien. Von ihm erschien zuletzt Internationalismus. Kleine Geschichte einer großen Idee im Unrast Verlag (Münster 2025).