Mit dem Selbstporträt erfand sich der moderne Künstler als vom Handwerker unterscheidbare Figur, die Aufwertung von Signatur, Werk und Lifestyle sind die Grundlagen für den „strukturellen Individualismus“ (Bourdieu) des Kunstfeldes. In den vergangenen Jahren sind in Literatur und bildender Kunst Arbeiten entstanden, die das Selbst in gesellschaftliche Kontexte einbetten, vor dem Hintergrund struktureller Existenzbedingungen und kultureller Prägungen reflektieren. Das Genre der Autosoziobiographie wurde durch Didier Eribons Rückkehr nach Reims (2016) auch in Deutschland einigermaßen populär, spätestens mit dem Literaturnobelpreis für die französische Schriftstellerin Annie Ernaux im Jahr 2022 ist es eine geweihte und damit auch vermarktungstaugliche Literatursparte. Dennoch ist der reflexive Impuls in der Regel auch als Mittel zu verstehen, die kunstgeschichtliche Fokussierung auf individuelle Formsuche und Lebenswege zu unterlaufen und zu irritieren. Der Klassenwechsel, seine potenziellen Voraussetzungen und seine Folgen sind zentrale Themen autosoziobiographischer Arbeiten. Aber es geht inhaltlich nicht nur um Klassenverhältnisse, sondern auch um kollektives Erinnern und anderes Erzählen. Es geht auch um das Ausloten einer Form (des literarischen Erzählens und der künstlerischen Arbeit) im Medium der Selbstreflexion. Vielleicht war der ehemals versklavte Abolitionist und Publizist Frederick Douglass (1818–1895) mit seinen autobiographischen Erzählungen bereits ein Vorläufer dieser literarischen Praxis. Auch in anderen Romanen des 19. Jahrhunderts war der soziale Aufstieg durch Bildung schon Thema. In den 1970er Jahren weiteten feministisch motivierte, literarische Selbstversuche wie Häutungen (1975) von Verena Stefan und Die Scham ist vorbei (1976) von Anja Meulenbelt den Blick auf Geschlechterverhältnisse aus und nahmen bereits zentrale Aspekte des heutigen Hypes vorweg. Der Bildung kommt häufig eine Doppelfunktion zu, sie ist Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg und zugleich Anrufung zur Selbstverfeinerung, während ihre institutionellen Settings die vermeintlich Ungebildeten ausschließen. In Kunst und Pop gab und gibt es eine Vielzahl an autosoziobiographischen Arbeiten, die gegen solche Ausschlüsse gerichtet waren und sind.
Die IG Bildende Kunst feiert in diesem Jahr ihr 70jähriges Bestehen. Sie ist Teil einer Geschichte der kollektiven Organisierung von Kunstschaffenden, die immer auch als Korrektiv gegen den „strukturellen Individualismus“ bitte (Bourdieu), der Ausrichtung an einzelnen Namen und dem Celebrity-Faktor, verstanden werden kann. Die Bildstrecke ist in dieser und den weiteren Ausgaben dieses Jahres der Geschichte der IG gewidmet. Die Texte an den Schnittstellen von Kunst, Theorie und Aktivismus sind, wie implizit eigentlich immer in unseren inzwischen 76 Ausgaben, ebenfalls diesem Anspruch verpflichtet.
Jens Kastner ist koordinierender Redakteur des Bildpunkt.
