Faire Bezahlung! Urlaub! Recht auf Krankenstand!

Freie ORF-MitarbeiterInnen organisieren sich gegen prekäre Beschäftigung

Unter den freien journalistischen MitarbeiterInnen des ORF gärt es schon länger. Ende 2003 wurde eine Anstellungswelle versprochen – die einen wurden dafür auf Listen vermerkt, die anderen nicht. Nicht wenige verließen den ORF mehr oder weniger freiwillig, weil ihnen gesagt wurde, sie hätten keine Chance, in absehbarer Zeit auf diese Liste zu kommen. Die Stimmung in den Redaktionen sank auf den Tiefpunkt, berichtet die freie Ö1-Mitarbeiterin Barbara Kaufmann in ihrem Blog. Die „Teile-und-herrsche“-Strategie des Managements war offenbar aufgegangen.

Viele jener bewährten Freien MitarbeiterInnen (FM) wurden in den Folgejahren allerdings zurückgeholt, denn schon lange ist klar: Ohne sie geht gar nichts, v.a. beim Radio. Der (gesetzlich verordnete) Sparzwang, dem sich das Unternehmen ausgesetzt sah, hatte nämlich absurde Konstellationen geschaffen, so Kaufmann. Obwohl es seit Jahren durch die Ausweitung des Angebots immer mehr Arbeit zu erledigen gibt, wurden Dienstposten gestrichen bzw. nicht mehr nachbesetzt und sogar Karenzvertretungen nur in Ausnahmefällen genehmigt. Die Auffassung des Personalbüros, man müsse die Arbeit unter den verbliebenen JournalistInnen nur neu aufteilen, scheiterte. „Also sind die Freien wieder herzlich willkommen im Unternehmen“, spottet Kaufmann.

Verantwortung für alle?

Seit Mitte 2010, schildert Anna A. (Name geändert), die seit langem als Freie beim ORFRadio und Fernsehen arbeitet, formiert sich Protest. Eine Gruppe von FM begann, Daten über Bezahlung und Versicherung zu sammeln und regelmäßige Treffen zu organisieren. Eine Forderung, die rasch im Raum stand, war die eigenständige Beteiligung einer FM-Delegation an Honorarverhandlungen und an der Überarbeitung des Honorarkatalogs.

Der Aufstand, den die ORF-FM seit Jahresbeginn 2012 proben, hat sich also abgezeichnet. Das Klima wurde kontinuierlich schlechter, erzählt Anna A., zur letzten Weihnachtsfeier seien viele FM gar nicht mehr hingegangen. Als eine Abordnung der ORF-FM nun am 20. Jänner mit den kläglichen Überresten eines Kuchens, den die Aufschrift „Was bleibt für die freien Mitarbeiter/innen?“ zierte, vor dem Sitzungssaal des Stiftungsrats auf Generaldirektor Alexander Wrabetz wartete und währenddessen die belegten Brötchen des Buffets mit kleinen Spruchfähnchen garnierte („Übernehmen Sie Verantwortung für ALLE Mitarbeiter/innen!“ u.a.), war auch erstmals eine breitere mediale Berichterstattung garantiert. Ob es an Gerüchten über eine drohende „Tortung“ von StiftungsrätInnen lag oder daran, dass die ORF-Führung noch an den Folgen der Affäre „Büroleiter für Wrabetz“ knabberte (eine von zwei neuen hoch bezahlten und offensichtlich parteipolitisch motivierten Stellen, die durch ein Protestvideo von 55 ZiB-RedakteurInnen verhindert wurde) – die ORF-FM-Protestaktion, bei der auch ein Offener Brief überreicht wurde, schaffte es sogar in die „eigenen“ Fernsehnachrichten.

Existenzgefährdend, krankmachend, unwürdig

Bereits Anfang Jänner veröffentlichte die Tageszeitung Der Standard einen Kommentar von 42 ORF-FM-AktivistInnen, in dem Tacheles gesprochen wurde: Einkommenszahlen wurden auf den Tisch gelegt, die in krassem Missverhältnis zu den durchschnittlich 75.000 Euro Brutto-Jahresgehalt von ORFAngestellten stehen. Es geht um KollegInnen, denen trotz Vollzeitarbeit nach Steuern und Sozialversicherung am Ende des Monats vielleicht 1.000 Euro bleiben – und das ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld, ohne bezahlten Krankenstand oder Urlaub –, die aber gleichzeitig oft die Hälfte und mehr des gesamten Programms einzelner Sender gestalten und dafür sogar regelmäßig Preise und Auszeichnungen bekommen. „Viele Freie erhalten somit pro Stunde Arbeitsaufwand etwa zehn Euro brutto“, schrieben die 42 ORF-FM im Standard. „Für manche aufwändig zu gestaltende Sendungen kann es auch darunter liegen.“ Anna A. untermauert das: „Für ein Ö1-,Hörbild‘, wie ich es zurzeit vorbereite, werden ca. 1.900 Euro bezahlt, für Gestaltung und Regie. Die Arbeit daran beträgt zwischen 150 und 200 Stunden.“

Christian Büser, ebenfalls freier Mitarbeiter bei Ö1, gibt gegenüber der Tageszeitung Kurier außerdem zu bedenken, dass eine Recherche auch einmal im Nichts verlaufen könne. Wenn er aber z.B. an einer klassischen halbstündigen Reportage als Autor zwei bis drei Wochen arbeitet, dafür pauschal 767 Euro brutto erhält und davon dann ca. 500 Euro netto übrig bleiben, ist eine solche Recherche-Sackgasse nur schwer zu verkraften. Ohne den deutschen Radiomarkt, wo das Doppelte bis Dreifache bezahlt wird, könnte er von seinem Beruf nicht leben. Und Sonja Watzka, freie Moderatorin bei Ö1, spricht im Kurier-Interview nicht nur die schlechte Bezahlung an (für einen siebenstündigen Moderationsdienst plus rund drei Stunden Vorbereitungszeit bekommt sie 170 Euro brutto), auch sei die Anzahl der Dienste pro Monat völlig ungewiss.

Mit dem Satz „Der hochgelobte Qualitätsjournalismus basiert auf prekären Beschäftigungsverhältnissen“ brachten die ORF-FM diese Situation, die sich noch mit zahlreichen weiteren Beispielen belegen ließe, in ihrem Offenen Brief an Stiftungsrat und Generaldirektor auf den Punkt. Seit drei Jahren, heißt es in dem Brief, werde auf diese Arbeitsbedingungen hingewiesen: „Sie sind existenzgefährdend, krankmachend und einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt unwürdig. Unsere Pensionsansprüche sind so gering, dass uns im Alter ein Dasein als SozialhilfeempfängerInnen erwartet.“ Die Forderungen, die auf http://orffm.wordpress.com, der Diskussionsplattform der freien MitarbeiterInnen, nachzulesen sind: gerechte Entlohnung und soziale Absicherung. Die Internetplattform der ORF-FM bezeugt übrigens auch die Solidarität, die von zahlreichen HörerInnen und SeherInnen, aber auch von immer mehr ehemaligen und aktiven KollegInnen im ORF bekundet wird.

Zur Organisierung ermuntert

Ebenso bemerkenswert ist das Verhalten des ORF-Betriebsrats. In einem derstandard.atChat vom 7. Februar erklärten vier VertreterInnen der ORF-FM, der Betriebsrat setze sich, obwohl nicht für alle zuständig, stark für die Anliegen der FM ein und habe sie auch in der Vergangenheit immer wieder zur Selbstorganisierung ermuntert.

Die Frage, welche Rolle der ORF-Betriebsrat und die zuständige Gewerkschaft GPA-djp bei den Protesten und Verhandlungen spielen kann, ist aber nicht ganz einfach zu beantworten, da es im Grunde zwei „Klassen“ von FM gibt: die „Freien“ und die „ständigen Freien“. Letztere haben andere Verträge und sind Unsicherheiten z.B. beim Auftragsaufkommen nicht so stark ausgesetzt. Dass diese Form der journalistischen Arbeit einmal als „gleitender Einstieg“ in die Welt der angestellten RedakteurInnen galt, sei hier nur am Rande erwähnt. Zentralbetriebsratsvorsitzender Gerhard Moser deutete in einer Unterstützungserklärung für die ORF-FM aber immerhin an, es gebe einige MitarbeiterInnen, die auch aus arbeitsrechtlicher Sicht angestellt werden sollten, da sie seiner Auffassung nach „realiter verdeckte Angestellte“ seien. Fritz Wendl, Vorsitzender des Redakteursrats, beklagt gegenüber dem Bildpunkt wiederum die bisher nur spärliche gewerkschaftliche Organisierung der „Freien“, andererseits sei es aber eben ein beträchtliches Problem, dass diese häufig zu wenige sozialversicherte Stunden im ORF arbeiten, um als „ständige Freie“ zu gelten. Damit sind sie bei RedakteurssprecherInnen- und Betriebsratswahlen nicht wahlberechtigt. Wendl gibt zudem zu bedenken, dass die Erhöhung der Honorare die eine Sache sei. Wenn aber nicht gleichzeitig die Sendungsbudgets erhöht würden – was sich seiner Meinung nach in keinster Weise abzeichnet –, könne das gar nicht zu einem Mehr an Einkommen, sondern nur zu weniger Aufträgen führen.

Ich will ja, aber …

Anfang Februar fand ein erstes Treffen der ORF-FM mit Radiodirektor Karl Amon statt. Dieser hatte im Vorfeld davon gesprochen, für die „50 bis 100“ MitarbeiterInnen, die er als ständige Freie identifzierte, eine neue Pauschale anbieten zu wollen. Das geht den ORF-FM-AktivistInnen deutlich zu wenig weit – sie wollen eine faire Lösung für alle. Die Gespräche wurden am 22. Februar fortgesetzt, Ergebnisse waren zu Redaktionsschluss noch keine bekannt. Die ORFFM-Aktivistin und Ö1-Mitarbeiterin Isabelle Engels postete unterdessen auf http://orffm.wordpress.com: „Es wäre mir wirklich lieber (als protestieren zu müssen, Anm. S.K.), ich könnte in Ruhe meiner Arbeit nachgehen. Aber – um mit Wrabetz zu sprechen – ich will ja, aber mir fehlen die finanziellen Möglichkeiten!“


Sylvia Köchl schafft es seit bald 15 Jahren nicht, von der Arbeit als freie Printjournalistin halbwegs sicher zu leben – als freie Politikwissenschafterin noch weniger.