In diesem kleinen Text möchte ich etwas, was gerade passiert, begreifen. Das was passiert, ist eine Anhäufung von Ereignissen in der Kunst- und Kulturszene. Dieser Haufen besteht aus zwei Hälften: auf der einen Seite stehen Veranstaltungen, Festivals und Ausstellungen, die große mediale Aufmerksamkeit bekommen. Auf der andere Seite liegen Taten seitens einzelner Akteur:innen im Kunst- und Kultursektor, die mehr Beachtung verdient haben.
Allein in den letzten zwei Monaten hat die Klima Biennale (9. 4. – 10. 5. 2026) stattgefunden. Die Ausstellung Lebt und Arbeitet in Wien. Contemporary Art from Vienna (1. 5. – 26. 10. 2026) hat in der Kunsthalle Wien ihre Eröffnung gefeiert und im Rahmen der Venedig Biennale sind mehrere Personen vor dem österreichischen Pavillion Schlange gestanden, um Florentina Holzingers Beitrag Sea World -Venice (9.5. – 22.11.2026) zu erleben.
Parallel zu diesen feierlichen Ereignissen erfahren wir nicht so feierliche Nachrichten. Am 9. 4. 2026 wurde die Freifläche in St. Marx von der WEGA geräumt. Dort soll eine Eventhalle entstehen, wofür sich die Stadt Wien 2025 bereit erklärt hat, 153 Millionen Euro in den Bau mitzuinvestieren. Eine Woche davor, am 1. 4., erfuhren wir aus einem Artikel in Der Standard, dass vorbereitende Arbeiten für den Lobautunnel gestartet sind. Am 23.4. veröffentlichte die IG Kultur Österreich einen Artikel, in dem sie die Gesamtheit der geplanten Kürzungsvorgaben des Bundes zusammenrechnet. Dabei stellt sich heraus, dass „im ungünstigen Fall bis 2029 im Kunst- und Kulturressort mehr als 60 Millionen Euro an Förderungen gestrichen werden [müssten]“. Das hätte gravierende Folgen für die freie Kunst- und Kulturarbeit. Dazu kommt das seit dem 1.1.2026 in Kraft getretene Zuverdienstverbot beim Bezug von AMS-Geldern. In einer Pressemitteilung des Kulturrat Österreich, die am 29.4.2026 veröffentlicht wurde, heißt es: „Die AMS-Regeln stehen den realen Arbeitsbedingungen in Kunst und Kultur entgegen. Betroffene müssen jedes einzelne Angebot daraufhin prüfen, ob es zum Verzicht auf das Arbeitslosengeld oder zum Verlust des Auftrags führt – jetzt oder in Zukunft“.
Wie geht sich das aus?
Als Künstler und Kulturarbeiter, der in Österreich seit mehreren Jahren tätig ist, frage ich mich, wie soll sich das ausgehen? Wie geht sich aus, dass der Bund einen Beitrag für den österreichischen Pavillon feiert, der sich klarerweise mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzt, während Projekte wie der Lobautunnel weiter umgesetzt werden? Wie geht sich aus, dass eine „Wiener Szene“ gefeiert wird und zugleich eine ihrer wichtigsten Freiflächen geräumt wird? Wie geht sich aus, dass eine Klima Biennale, die mit der Aktivierung des öffentlichen Raums wirbt und ein Interesse gegenüber den Beziehungsokölogien der Stadt zeigt, stattfindet, und die materielle Grundlage dieser Beziehungen von Stadt (und Bund) selbst abgeschafft werden?
Die Frage, wie sich dieser Haufen Widersprüche ausgeht, ist zwar an uns alle gerichtet, ich möchte sie aber hier an uns Künstler:innen richten. Wie lange sind wir damit okay, dass unsere Kunst dafür verwendet wird, eine politische Agenda zu verschönern? Wie lange halten wir es aus, für unsere Diversität, kritische Praxen, letztendlich unsere Kunst gefeiert zu werden, während das einzige Kapital, das uns zugesprochen wird, hauptsächlich symbolisch bleibt?
Viele der Vorkommnisse, die ich hier aufzähle, sind nicht in Stein gemeißelt. Die Event-Halle sowie der Lobautunnel sind noch keine Realität. Das Zuverdienstverbot ist ein Gesetz, das, auch wenn es jetzt schon Lebensrealitäten ändert, immer noch umgeschrieben werden kann. Dafür müssen wir – nicht nur wir Künstler:innen, wir Bürger:innen! – aufmerksamer, aktiver werden. Wir müssen uns Gehör verschaffen und sagen, schreien: Das geht sich nicht mehr aus! Nicht nur für uns, Künstler:innen, sondern für den Planeten.
#StMarxfürAlle #RetteORANGE94.0 #AmerlinghausBleibt! #kulturlandretten
Guilherme Maggessi ist ein wütender Künstler und Kulturarbeiter, der immer noch an kollektive Selbstorganiserung glaubt.
