Drei künstlerische Positionen: formal sinnvoll

Drei künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen. Ausgewählt und zusammengestellt von Nora Sternfeld, Eva Dertschei und Carlos Toledo in Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen.

Poster: Malena Garavaglia Kimberg
Rückseite: Public Space With A Roof (PSWAR)
Bildstrecke: Ângela Ferreira

Die Bildstrecke dieser Ausgabe zeigt Arbeiten der Künstlerin Ângela Ferreira (geb. in Maputo, lebt und arbeitet in Lissabon), die sich mit geopolitischen Themen und mit den normativen Strukturen des Modernismus aus postkolonialer Perspektive beschäftigen. Vor dem Hintergrund der territorialen Neuorganisation der Kolonialmächte nach dem 2. Weltkrieg in Afrika arbeitete das französische „Übersee-Ministerium“ gemeinsam mit dem Designer Jean Prouvé an der Idee, den Modernismus durch die Planung von schicken und praktikablen Wohnhäusern, die in Massenproduktion hergestellt werden konnten, voranzutreiben. In Europa konnten sich Prouvés Ideen nicht durchsetzen, doch die Möglichkeit, eine große Zahl dieser Häuser im kolonialen Afrika zu bauen, führte zur Entwicklung eines eigenen architektonischen Stils. In den 1990er Jahren wurde Prouvés Werk, und im Zuge dessen auch der architektonische Wert der Häuser, wiederentdeckt. Diese wurden kurzerhand abgebaut und nach Frankreich transportiert, wo sie restauriert und dort und in den USA in einem neuen Kontext präsentiert wurden. Ferreira dokumentiert diesen post- und neokolonialen Prozess, indem sie die Spuren und die Baulücken festhält und künstlerisch dokumentiert. Das Maison Tropicale wurde Titel gebend für die Arbeit Ferreiras, die auch im portugiesischen Pavillon der 52. Biennale Venedig zu sehen war.

Public Space With A Roof (PSWAR) ist ein Amsterdamer KünstlerInnenkollektiv (http://www.pswar.org). Für das Rückencover dieser Ausgabe haben die KünstlerInnen zweiundzwanzig von Menschen gestaltete Formen übereinander gelagert und so eine neue Konstellation von Punkten und Zahlen geschaffen. Das Spiel mit den Zahlen lädt dazu ein, die Punkte zu verbinden, um den verborgenen imaginären Umriss dahinter zu entdecken. Doch auch wenn die Spielregel es verlangt, wird es unmöglich, die eigentlich bekannten, jedoch durch Überlagerung abstrahierten Formen nachzuzeichnen oder wiederherzustellen. Die Formen, die sich letztlich aus der Fülle ergeben, bleiben unvollendet und ihres Sinns entleert. Die KünstlerInnen haben sie zerlegt und verstehen sie als Prozess einer Neudefinition vertrauter formaler Strategien: „Aus einer Notwendigkeit oder einem Wunsch entstanden, einer Imagination entsprungen, von anderen akzeptiert oder ihnen auferlegt worden, von neuen Generationen genutzt oder missbraucht worden, erinnern sie uns an die Notwendigkeit, Formen wieder neu zu denken und Türen für die Erschaffung neuer Formen und Zukunftsvorstellungen zu öffnen.“

Malena Garavaglia Kimberg (geb. in Buenos Aires) ist Schriftstellerin und lebt und arbeitet in Barcelona im Verlagswesen. Das auf dem Mittelposter abgebildete Manifest in Form eines „visuellen Gedichtes“ wurde nach langen Spaziergängen einer einmalig zusammengefundenen Gruppe (bestehend aus zwei Designern, einem Fotografen und einer Schriftstellerin) durch die Austragungsstätte der Manifesta 7, die europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, die heuer in mehreren Städten der Region Trentino-Südtirol stattfindet, geschrieben. Für die Autorin sind diese Ausstellungen „unglückliche Vertreter“ der Kunst unserer Zeit: „Es steht uns fern, einzelne Arbeiten zu zerpflücken; das Problem ist universeller und deshalb schwerwiegender.“ Der Titel des Manifests ist dem Film Night Moves (1975) von Arthur Penn entlehnt. Gene Hackman – Privatdetektiv, der die aus ihrer Wohnung ausgebrochene Melanie Griffith sucht – lehnt eine Einladung, einen Film von Eric Rohmer anzuschauen, mit der Begründung ab: „Ich habe einmal einen Film von ihm gesehen, das war, als wenn man Farbe beim Trocknen zusieht.“