Die Unsichtbarkeit des Offensichtlichen

Die Vertrauensstelle Kunst und Kultur ist Anlauf- und Fachstelle für Kulturwandel

Betroffene fragen sich: War das, was mir widerfahren ist, wirklich normal? Gehört es zum künstlerischen Prozess oder verbirgt sich dahinter strukturelle Gewalt, die sich mit dem Mythos der genialen Kunst tarnt?

Unsere Erfahrungen aus vielen Gesprächen bei der Vertrauensstelle vera* zeigen: Die „Normalisierung des Ausnahmezustands“ ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer Kultur, die Machtgefälle nicht nur duldet, sondern aktiv reproduziert. Die Vorstellung, dass Regeln, Grenzen und ethische Standards in der Kunst suspendiert seien, schützt oftmals diejenigen, die Macht ausüben, und isoliert Betroffene. Wie lassen sich diese Dynamiken durchbrechen?

Ein Kulturwandel kann nicht allein von jenen getragen werden, die bereits Nachteile erfahren haben. Es darf nicht am persönlichen Risiko Einzelner hängen, über Erlebtes zu sprechen. Vielmehr muss klar werden, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, das nur gemeinsam – auf allen Ebenen – betrachtet und gelöst werden kann. Verantwortung liegt bei all jenen, die Rahmenbedingungen gestalten und über Macht und Ressourcen entscheiden. Die Normalisierung des Ausnahmezustands muss als öffentliches Thema benannt werden, nur so verliert sie ihre scheinbare Selbstverständlichkeit.

Wie vera* es mit einem Gespräch?

Die Vertrauensstelle Kunst und Kultur wurde 2022 in enger Abstimmung mit Akteur*innen aus der Kulturbranche gegründet und wird vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport gefördert. Das Angebot wird aktuell von einem dreiköpfigen Team getragen, das langjährige Erfahrung in psychosozialer Beratung, Psychotherapie und Organisationsentwicklung mitbringt. Im Mittelpunkt stehen zwei Arbeitsbereiche: die professionelle und vertrauliche Unterstützung und Beratung von Betroffenen von Machtmissbrauch, Belästigung und Gewalt in Kunst und Kultur sowie der Kulturwandel mit dem Ziel, einen nachhaltigen Wandel in der Branche zu unterstützen.

Bisher hat vera* Kunst und Kultur seit Ihrer Gründung über 200 dokumentierte Beratungsfälle aus allen Sparten begleitet. Der Bedarf bleibt konstant. Hinter jeder einzelnen Anfrage steht ein konkreter Anlass, oft verbunden mit Unsicherheit, Belastung oder akuter Handlungsnotwendigkeit. Was sich zeigt: Dort, wo individuelle Unterstützung auf strukturelle Entwicklung trifft, entsteht echte Veränderung. Beides gehört zusammen. Darum baut die Vertrauensstelle Ihr Angebot an gut aufbereiteten Informationen und unterschiedlichen Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung stetig aus.

Alle im Kunst- und Kulturbereich tätigen und auszubildenden Menschen, die mit übergriffigem Verhalten, Machtmissbrauch, Belästigung oder jedweder Form von Gewalt konfrontiert waren oder sind, können sich bei vera* melden. Die Vertrauensstelle bietet sowohl Betroffenen als auch Zeug*innen – unabhängig von Position, Erfahrung oder Anstellungsform – einen geschützten Raum, um Erlebtes zu teilen und gemeinsam vom Schweigen ins Handeln zu kommen: vertraulich, kostenlos und unabhängig.

Mehr Informationen unter www.vertrauensstelle.at


Heidi Fuchs ist Geschäftsführerin der Vertrauensstelle Kunst und Kultur und Organisationsberaterin mit Schwerpunkt auf Führung, Kommunikation und Strategie.