Die Bleibeführer_in

Ein Handbuch zur (Selbst-) Inklusion

Was ist eine Bleibeführer_in?
Eine Bleibeführer_in ist eine Informationsbroschüre, die wichtige Infos für alle bietet, die hier bleiben wollen und sich dies erkämpfen müssen. Wo bekommt man als Flüchtling Beratung? Mit wem können wir für unsere Rechte kämpfen? Wo kann man gratis Deutsch lernen? Wo kann man gratis schlafen oder billig essen? Wo treffen sich die Leute? Wo können unsere Kinder gratis lernen und spielen? Wo sind die Queer-Organisationen? Dieses Buch enthält Tipps und Informationen, die Neuangekommenen bei den ersten Schritten zum Aufbau eines Lebens in Wien helfen können. Das Handbuch sollte eine nützliche Informationsquelle werden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Das Konzept der Bleibeführer_in basiert auf einer Idee der Antikulti-Gruppe in Zürich, die ein ähnliches Buch für Zürich produziert hat.

Wie entstand das Handbuch?
Die Informationen, die wir für die Bleibeführer_in im Arbeitsprozess ausgetauscht und gesammelt haben, basieren auf unseren individuellen Erfahrungen als Migrant_innen, Asylwerber_innen und Stadtbewohner_innen. Wir haben uns drei Monate lang wöchentlich getroffen, um über unsere Bedürfnisse, Erwartungen und Forderungen zu sprechen. Mit den Autor_innen des Zürcher Bleibeführers haben wir uns per Internet vernetzt und eine virtuelle Konferenz per Skype veranstaltet. Ein in Wien geplantes Treffen musste nämlich wegen des Reiseverbots für einige Asylwerber_innen aus Zürich abgesagt werden. Die Arbeitsgruppe war sehr heterogen, aber durch ein gemeinsames Ziel verbunden. Wir haben verschiedene Geschichten und kommen aus unterschiedlichen Ländern, sind hier in Österreich und Europa dennoch mit ähnlichen Situationen konfrontiert: Alltagsund institutioneller Rassismus, xenophobe Presseberichterstattung, kontinuierlicher Zulauf zu Parteien der extremen Rechten und, last but not least, die zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Die Grundidee war deshalb, jedem Menschen den Zugang zur Stadtraumnutzung unabhängig von Aufenthaltsstatus, Reisepass oder Geldressourcen zu ermöglichen. Und 19 wir wollen mit diesem Projekt unsere Stimme gegen alle Arten von Ausschlussmechanismen erheben und die verzerrten Bilder, die über uns produziert werden, infrage stellen.

Motivation
Kulturprojekte mit Antidiskriminierungschwerpunkt werden in Österreich hauptsächlich aus der Sicht von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft entworfen und blenden oftmals, auch wenn sie gut gemeint sein können, Perspektiven von den diskriminierten Gruppen aus. Deswegen war unsere Hauptmotivation der Versuch, ein eigenes Netzwerk unter Migrant_innen aufzubauen und nicht nur darauf zu warten, dass „von außen“ geholfen oder zwanghaft „integriert“ wird. Es ging außerdem um die Aneignung von medialen Praktiken, die auf das Sichtbarwerden und den Austausch von Erfahrungen und Wissen über die Stadt abzielten. Unsere Position stellt pseudo-sozialkaritative Arbeit infrage genauso wie die ideologische Instrumentalisierung des Konstruktes „Flüchtling“ oder „Migrant_in“. Auch wenn man zweifellos Partner_innen auf der institutionellen Ebene braucht, können bestimmte paternalistische Handlungen den Status quo festigen und langfristig soziale oder sogar psychische Abhängigkeit verursachen.

In diesem Sinn können wir dem Statement der Zürcher Antikulti-Gruppe voll zustimmen: „Wir wollen nicht ‚integriert’ werden, nur um ausgebeutet zu werden. Wir suchen nach alternativen Formen der (Selbst-) Integration, als Aneignung der nötigen Werkzeuge (wie der Sprache) und Räume. Wir wollen Integration, um hier aktiv unser Leben realisieren zu können, das heißt auch, Kritik an den herrschenden Lebensrealitäten zu üben. Durch Aktivitäten und kritische Diskussionen lernen wir, Orte und Lebensrealitäten mit unseren unterschiedlichen Hintergründen in Verbindung zu setzen.“

Testimonial
Das Handbuch intendiert nicht nur, ein Sammelsurium von nützlichen Adressen oder Tipps zu sein. Aussagen und Kommentare von einigen Gestalter_innen, die selbst Asylwerber_innen sind, wurden ebenfalls veröffentlicht. Es geht um die schwierigen Umstände, unter denen Asylwerber_innen in Österreich leben müssen. Die folgenden Aussagen sind im Laufe der Diskussionen entstanden: – We have been living on packaged food and € 39 monthly for over 6 years.
– People smile a lot but don’t share a lot with us.
– Hunde haben mehr Bewegungsfreiheit in Österreich als Asylwerber_innen.
– Each time I see police actions, I only imagine if wars will be worse.
– A refugee doesn’t automatically mean a begger.
– Viele Asylwerber_innen und Migrant_innen leiden unter psychischen und körperlichen. Krankheiten, aufgrund ihrer unsicheren und stressvollen Lebensbedingungen.
– They said we should be thankful, not complain.
– Wenn man schwer krank wird, kann man leichter Asyl bekommen.
– Why do they like to give with a pity? They wanted you to be overgrateful.
– They have created an atmosphere that places me on the offensive.
– Ich will nicht mein ganzes Leben nur unter Polizist_innen und Bürokrat_innen verbringen.
– How can I appreciate all the wrongs overweighing the rights.
– My dreams died when I came here.
– 5 Euro a day! Less than a worker receives for an hour.
– Warum gibt es keine selbstverwalteten Asylwerber_innen-Organisationen?
– The best gift I have received so far is to study German.
– Some asylum homes are worse than the police cell.
– Why the discussion about our education revolve round learning the German language?
– Austria is free, but cannot free refugees inside her home.
– Each time I return to the Asylheim, I think about suicide.
– If Europe were a Paradise, all people living here would have everything.
– 85% of socialworkers are simply heartless. Viele Österreicher_innen beuten Asylwerber_innen aus.
– Die meisten Polizist_innen sind einfach Rassist_innen.
– It looks like the struggle to belong here is not worth it anymore.
– Österreich ist wie ein großes Gefängnis, man kann nicht ausreisen.
– Sozialarbeiter_innen sagen uns, dass sie nicht helfen können, weil das Gesetz einfach NEIN sagt.
– Tausende Österreicher_innen waren einmal Flüchtlinge oder „illegale Einwanderer“.
– Each time I see a plane in the sky, I wonder how many refugees are being deported in it.
– They open their doors to let us in and then close us from the public.
– Man muss sich als Asylwerber_in unsichtbar machen.

Nachwort
Dieses Projekt möchte einen kleinen Beitrag zu alltäglichen und sozialen Veränderungen in unserer Gesellschaft leisten. Eine Form von Veränderung wäre das Bewusstwerden der rassistischen Alltagspraktiken unter der österreichischen Mehrheitsbevölkerung, die eine immense Rolle z.B. bei Asylverfahren spielen. Man geht davon aus, dass Rassismus im „aufgeklärten“ Europa ein Randphänomen ist, aber, wie Mark Terkessidis es schon auf den Punkt gebracht hat, Rassismus sollte als gesellschaftliche Normalität wahrgenommen und nicht als irrational abqualifiziert werden. Rassismus ist ein mächtiges Konstrukt, um Menschen abzugrenzen und eigene soziale und ökonomische Privilegien aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite forderte das Projekt Bleibeführer_in Bewusstwerdung und Selbstreflexion von seinen Akteur_innen, um die eigene Situation zu verstehen und sich nicht nur als ewige Opfer der Umstände selbst wahr zunehmen. Der Höhepunkt dieses Prozesses war die Präsentation des Handbuchs im Verein Planet 10. Für einige Mitglieder der Arbeitsgruppe Bleibeführer_in war es das erste Mal, dass sie über ihre Erfahrungen vor einem österreichischen Publikum sprechen konnten. Planet 10 war ein geeigneter Schutzraum, der es ihnen ermöglicht hat, über ihre Erlebnisse und legitimen Forderungen zu sprechen, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Link zur Bleibeführer_in:
http://bleibefuehrerinwien.blogspot.co.at/

Erinmwionghae Clifford und Hansel Sato sind die Initiatoren des Projekts Bleibeführer_in.