Relationale Erzählformen sind nicht so neu, wie der Trend der Autosoziobiographie vermuten lässt. Es gab sie an den Rändern der eurozentrischen Wahrnehmung schon lange. Dabei stehen dem Fokus auf soziale Klasse auch Perspektiven auf gender und Rassifizierungen gegenüber.
In den zehn Jahren seit der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe von Didier Eribons Rückkehr nach Reims (Suhrkamp 2016) hat sich die Autosoziobiographie maßgeblich in deutschsprachigen wissenschaftlichen und literarischen Kreisen als explosives Gegenwartsphänomen etabliert. Diese Explosion der Autosoziobiographie als fruchtbare und kritische Form des Erzählens erfolgte spätestens 2022, als der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Ein Blick auf die Genealogie des relativ jungen (und schmalen) Kanons weist auf eine Art generationsübergreifende Inspirationskette französischer Autor*innen: von Bourdieu zu Ernaux zu Eribon zu Édouard Louis.
Die Ursprünge des Autosoziobiographie-Begriffs sind auf Ernaux zurückzuführen: Ihre Selbstbezeichnung als „ethnologue de moi-même“ oder ‚Ethnologin ihres Selbst‘1 weist auf den erstaunlichen Korpus ihrer selbsterzählerischen Werke hin, in denen sie wiederholt und auf vielfältige Weise das Arbeiter*innenmilieu ihrer Kindheit schildert und reflektiert. Als ausgebildete Soziologin nimmt Ernaux Inspiration von Pierre Bourdieu und erzählt ihr Selbst in Relation zu seinem kollektiven Umfeld. Dabei verwendet sie das Medium der (autobiographischen) Erzählung, um zugleich persönliche und distanzierte, kritische Einblicke in die sich verwandelnden Mechanismen von Klasse (und Geschlecht) in der französischen Gesellschaft zu bieten. Ernaux beschreibt ihre Unzufriedenheit mit dem Begriff der Autobiographie, dessen Konnotation von „Autor*in spricht über sich“ für sie reduktiv und unzureichend erscheint, weil er nichts über die Ziele oder die Konstruktion eines Textes aussagt. Ihre Werke seien daher „weniger autobiographisch als auto-sozio-biographisch“2.
Zur Entstehung eines Gattungsbegriffs
Über literarische Kulturen und Epochen hinweg gibt es sowohl einen erheblichen Korpus von autobiographischen Erzählungen aus der Arbeiter*innenschicht als auch eine lange Tradition akademischer Auseinandersetzung mit ihnen, die sich mit Fragen des Klassenbewusstseins, der Klassenerfahrung und Subjektivität beschäftigen. Allerdings ist es das transdisziplinäre Zusammenspiel von Soziologie und Literatur, durch das die Schriften von Ernaux oder Eribon charakterisiert sind, das Forscher*innen dazu bewegt, ihre Werke getrennt von dieser Geschichte zu betrachten und zu untersuchen.
Im Kern folgen die Theoretisierungsversuche des „genre in the making“ dem Impuls, die Autosoziobiographie als neues Gattungsphänomen in Opposition zur sogenannten „traditionellen Autobiographie“ zu definieren, indem das autonome autobiographische Subjekt durch ein „autosoziobiographisches“ Subjekt subvertiert wird, das die persönliche Geschichte der eigenen Lebenslaufbahn im Kontext einer geteilten Erfahrung sozialer Wirklichkeiten verankert. Die Verflechtung eines individuellen Lebens mit seinen kollektiven Dimensionen entsteht im Text als dynamische Beziehung zwischen dem erzählenden Ich und dem erzählten Wir. Dabei ist aber wichtig zu erwähnen, dass diese relationale Erzählform keineswegs neu oder einzigartig ist, sondern aus einer langen Tradition autobiographischen Schreibens „an den Rändern“ stammt—von weiblichen, schwarzen, oder postkolonialen Subjekten. Dahingegen geht es bei Autosoziobiographien namentlich um Selbsterzählungen von „transclasse“ Subjekten3, die durch Bildung einen Klassenwechsel bzw. einen sozialen Aufstieg erleben. Da das Interesse an der Autosoziobiographie als aufkommendes Genre der Gegenwart dem Impuls folgt, die in Vergessenheit geratene Kategorie der Klasse in akademischen Diskursen zu ‚rehabilitieren‘, gelten Konzepte wie Klasse und Herkunft, Bildung und Aufstieg, Affekt und Erinnerung als wesentliche Aspekte dieser Texte.4
Auto-sozio-bio-graphien
Ein zentrales Motiv in autosoziobiographischen Erzählungen ist das Bewusstsein für und vor allem die Überquerung von sozialen und räumlich markierten, sichtbaren sowie unsichtbaren Grenzen (vor allem die der Klasse). Das Narrativ selbst dreht sich um zweierlei Grenzübertritte: Zum einen der soziale Aufstieg durch Bildung, durch den das Subjekt das Milieu seiner Herkunft verlässt, und zum anderen die Trope des Nostos oder der Heimkehr, indem das Subjekt entweder physisch zur verlassenen Heimat/Herkunftsmilieu zurückkehrt oder durch den Akt des Erinnerns eine Art mentale Rückkehr unternimmt, die aber zu einem akuten Gefühl der Verfremdung führt. Die Erzählfigur befindet sich somit in einer Art Lückenraum zwischen zwei Welten, nie ganz zu Hause in irgendeiner von denen, gefangen in einer spürbar doppelten Nicht-Zugehörigkeit.5
Die Überschreitung von Grenzen findet aber nicht nur im Kontext sozioökonomischer und kultureller, sondern auch disziplinärer Grenzen statt, da die Verflechtung literarischen (autobiographischen) Erzählens mit soziologischer Analyse zu einem Genre-definierenden Merkmal wird. Autosoziobiographien sind dabei Narrative eines „transclasse“ Subjekts, das eine theoretische Reflektion der persönlichen Geschichte und Erfahrungshorizonte unternimmt und dadurch zur „Übersetzer[*in] des Sozialen“6 wird. Die soziopolitische Gegenwart prägt die Produktions- und Rezeptionskontexte dieser Texte.
Genre Trouble
Zum autosoziobiographischen Kanon zählt häufig eine Konstellation von Ernaux, Eribon, Louis sowie Christian Baron und Daniela Dröscher im deutschsprachigen Raum – alle weiß-westlich positionierte Autor*innen. In ihrem Versuch, die Autosoziobiographie als neue Erzählform zu definieren, sc heint die Wissenschaft teilweise zu viele Bedingungen eingeführt zu haben, die ein autosoziobiographischer Text erfüllen muss; gleichzeitig wird der untersuchte Korpus mit jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung immer größer und vielfältiger. In den letzten Jahren gab es vielerlei Impulse, das Genre auf fiktionale Erzählungen, Texte aus intersektionalen und transnationalen Identitätskontexten oder andere Medien wie Film zu erweitern. In Anbetracht der unermesslichen Vielfalt von Grenzen auf dieser Welt, wirkt es aber etwas kurzsichtig, die Genre-Grenzen der Autosoziobiographie vorerst entlang des Klassenbegriffs zu ziehen und sie erst im Nachhinein auf die Intersektion mit anderen sozialen Kategorien auszudehnen. Eine kritische Erörterung zentraler Konzepte wie Klasse, Herkunft und soziale Mobilität wird an dieser Stelle unerlässlich.
Jenseits der dualen Logik eines proletarischen Milieus der Herkunft und eines bürgerlichen/elitären Milieus des Ankommens, müssen Fragen von Race und Ethnizität, Muttersprachen und religiöser Vielfalt, Kolonialität und Zugehörigkeit, Migration und Asyl eine wesentlichere Rolle bei Diskussionen um die Herkunft eines Individuums spielen. Während die deutsch-französische Soziologie Klasse als primäre Kategorie der sozialen Stratifikation annimmt, deutet eine intensivere Beschäftigung mit den disziplinären Mechanismen der Soziologie in einem breiteren, globaleren bzw. nicht-eurozentrischen Rahmen auf die Defizite dieser Annahme. Klasse existiert nie in einem Vakuum und bestimmt nicht als freistehende Kategorie den sozioökonomischen Status jener Person; sondern entsteht durch ihre Verwicklung mit anderen soziokulturellen Kategorien und Identitäten wie Sprache (Dialekt, Akzent, Mehrsprachigkeit), Religion, Ethnie, Bildung, Beruf, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, etc., die im Vergleich zur Klassenzugehörigkeit weder eine ähnliche Flexibilität noch die Möglichkeiten sozialer Mobilität zulassen.
Der Impuls, autosoziobiographische Formate auf andere Textsorten und Erzählmedien zu übertragen und zu erweitern, verlangt letztendlich eine kritische Reflektion der Mechanismen der Genrebildung und eine Auseinandersetzung mit einigen wesentlichen Fragen: Wenn ein Narrativ nur manchen Bedingungen des „genre in the making“ entspricht, inwiefern kann es als „auto
soziobiographisch“ verstanden werden? Ist eine „authentische“ und ernstzunehmende Darstellung der Klassenerfahrung ausschließlich durch einen sozialen Aufstieg erzählbar? Was passiert, wenn eine Erzählfigur nie explizit auf Begriffe wie Klasse, Milieu oder Habitus Bezug nimmt, sondern rassifizierte, kastenbasierte oder geschlechtsbezogene Identitäten zum Kern ihrer Erzählung macht? In Anbetracht der Tatsache, dass der bisherige Diskurs um Autosoziobiographie das soziologische Wissen und eine gewisse akademische „Expertise“ fast als Voraussetzung der auktorialen Autorität behandelt: Was passiert, wenn die Erzählung ein individuelles Leben durch die Linse kollektiver sozialer Wirklichkeiten reflektiert, ohne sich jeglicher akademischer Ausdrucksweisen zu bedienen? Und: Ist die akademische Geste, Klasse als Kategorie anhand der Erarbeitung eines neuen Genres zu „rehabilitieren“, eher ein emanzipatorisches oder ein ironisches Zeichen – oder kann sie tatsächlich beides sein?
1 Annie Ernaux: Écrire la vie. Gallimard, 2011, S. 224.
2 Annie Ernaux: L’écriture Comme Un Couteau: Entretien Avec Frédéric-Yves Jeannet. Stock, 2003, S. 23.
3 Das Konzept wird verwendet, um Subjekte sozialer Mobilität zu beschreiben, die entweder einen Aufstieg (embourgeoisés) oder einen Abstieg (déclassés) erleben. Siehe Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Konstanz University Press, 2018.
4 Eva Blome/Philipp Lammers/Sarah Seidel: Zur Poetik und Politik der Autosoziobiographie. Eine Einführung, in: dies. (Hrsg.): Autosoziobiographie: Poetik und Politik. J.B. Metzler 2022, S. 1–14,
hier S. 5–7.
5 Marcus Twellmann, Philipp Lammers: Autosociobiography: A Travelling Form, in: Comparative Critical Studies 20(1), 2023, Edinburgh University Press, S. 47–68, hier S. 50.
6 Carlos Spoerhase: Politik Der Form: Autosoziobiografie Als Gesellschaftsanalyse, in: Merkur 71(818), 2017, S. 27–37, hier S. 35.
Mrunmayee Sathye ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und erforscht Fragen der Subjektivität und Identität/Differenz in autobiographischen Erzählformen.
*Dieser Beitrag basiert zum Teil auf dem am 16. Mai 2023 online veröffentlichten Tagungsbericht Autosoziobiographie als transkulturelle Form (https://literaturwissenschaft-berlin.de/autosoziobiographie-als-transkulturelle-form/) sowie auf Reading across Borders: Autosociobiography and Dalit Autobiography at the Intersections of Class, Caste, and Gender, erschienen in: Johanna Bundschuh van Duikeren/Marie Jacquier/Peter Löffelbein (Hrsg.): Autosociobiography: Global Entanglements of a Literary Phenomenon. Bielefeld 2025 (transcript), S. 103–123.
