„Ich will nicht bloß Spuren hinterlassen – ich will bestimmen, welche Spuren lesbar bleiben“.
Dieser von der US-amerikanischen Künstlerin und Pionierin feministischer Performance- und Body-Art, Carolee Schneemann (1939–2019), formulierte Satz bringt auf den Punkt, worum es beim Gedanken an Vorlass und Nachlass geht: um die bewusste Entscheidung, das eigene Werk nicht einfach dem Zufall oder der Willkür anderer zu überlassen, sondern selbst Einfluss darauf zu nehmen, wie es dokumentiert, vermittelt und in die Zukunft getragen wird.
Vom Nachlass zum Vorlass: aktive Mitgestaltung
Während der Nachlass erst nach dem Tod von Künstler:innen – oft unter großem Zeitdruck – von Personen bearbeitet wird, die den künstlerischen Prozess nicht in seiner ganzen Tiefe kennen bzw. erfassen, eröffnet der Vorlass die Möglichkeit zur aktiven Gestaltung des eigenen künstlerischen Erbes. Er trägt nicht nur zur möglichen langfristigen Sicherung und Sichtbarkeit des Werks bei, sondern entlastet zugleich Erb:innen und Nachlassverwalter:innen.
Diese Perspektive verwandelt die Auseinandersetzung mit Endlichkeit in eine Form von Selbstbestimmung. Der Vorlass ist kein Symbol des Abschieds, sondern ein Werkzeug des Weiterlebens. Vorlassplanung muss weder unbequem noch bürokratisch sein. Sie stellt keine unüberwindbare Hürde dar, sondern vielmehr eine Chance: ein bewusster, schöpferischer sowie inspirierender Prozess, in dem Künstler:innen festlegen, was ihr Werk ausmacht und wie es weitergetragen werden soll. Wer sich damit auseinandersetzt, übernimmt Verantwortung – nicht nur für die Integrität des eigenen Werkes, sondern auch im Hinblick auf dessen Rezeption durch nachfolgende Generationen. Dieser Prozess kann zu allen Zeiten des Lebens beginnen – früh, mitten im Schaffen oder später – denn jeder Schritt zur Ordnung und Sicherung des eigenen Werkes stärkt die Selbstbestimmung.
Sichtung, Dokumentation und Reflexion
Der erste Schritt der Vorlassplanung besteht im Hinsehen. Die Bestandsaufnahme macht das eigene Werk sichtbar und dokumentiert es. Wer neben künstlerischen Arbeiten auch Skizzen, Briefe, Preislisten, Ausstellungskataloge sowie Korrespondenzen sichtet, entdeckt das eigene Schaffen aus einer neuen Perspektive. Diese Materialien sind weit mehr als bloße Belege: Sie zeigen, wie ein Werk entstand, welche Begegnungen es prägten und wie es seinen Weg in die Öffentlichkeit fand.
Ohne bewusste Einordnung und geordnete Struktur drohen solche Zeugnisse zu zerfallen oder verloren zu gehen. Der Vorlass bewahrt sie und macht sie erfahrbar – über den unmittelbaren Moment, das eigene Leben hinaus. Die systematische Betrachtung der Bestände geht über Archivarbeit hinaus und kann ein selbstreflexiver Prozess sein. Künstler:innen könnten sich dabei Fragen stellen, wie: Welche Arbeiten behalten Relevanz? Welche Narrative begleiten sie? Welche Spuren dürfen auch verblassen?
Es gibt keine Standardlösung, da jeder künstlerische Lebensweg einzigartig ist. Doch gerade darin liegt die Herausforderung – und der methodische Reiz: Vorlassplanung ist immer ein maßgeschneiderter Prozess, der persönliche künstlerische Visionen wie auch organisatorische Anforderungen berücksichtigt.
Ein Werk lebt durch Erinnerung
Am Ende geht es um Erinnerung – denn ein Werk lebt nur dann fort, wenn es nicht in Vergessenheit gerät. Vorlassplanung schafft die Grundlage für dieses Weiterleben. Sie ist kein Schlussstrich, sondern ein weiterer Pinselstrich. Kein Abgesang, sondern ein Auftakt. Ein Kapitel, das bewusst geschrieben wird – im Wissen, dass andere es einmal lesen werden.
Unterstützung durch die IG Bildende Kunst
Die IG Bildende Kunst setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, die Arbeits- und Lebensrealitäten von Künstler:innen zu verbessern. Seit 2022 widmen wir uns dem Themenschwerpunkt Fokus: Senior Artist. Im Zentrum stehen Fragen, die mit dem Älterwerden, der Sicherung des künstlerischen Schaffens und der langfristigen Planung von Vor- und Nachlässen verbunden sind.
Das Interesse ist groß, die Resonanz stark. Um unsere Mitglieder in diesem Prozess der Vorlassplanung aktiv zu unterstützen, haben wir in Kooperation mit dem Österreichischen Forum Vor- & Nachlässe ein Werkverzeichnis entwickelt. Dieses soll eine verlässliche Grundlage bieten, um das eigene künstlerische Schaffen strukturiert zu dokumentieren. Ergänzend dazu haben wir ein Glossar erarbeitet, das zentrale Begriffe und Fachausdrücke erläutert und damit Orientierung in dem komplexen Bereich der Inventarisierung und Einordnung gibt.
Mit diesen Initiativen stärkt die IG Bildende Kunst die Selbstbestimmung von bildenden Künstler:innen, bietet konkrete Hilfestellungen im Umgang mit Werk, Dokumentation und Vermächtnis und trägt dazu bei, die Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit künstlerischer Arbeit über das eigene Leben hinaus zu sichern.
In diesem Sinne findet am 10. Dezember 2025 ein praxisnahes Online-Survival-Training in Kooperation mit dem Österreichischen Forum Vor- & Nachlässe statt, in dem Künstler:innen umsetzbare Methoden kennenlernen, um Werkverzeichnisse zu erstellen – ein möglicher erster Schritt das künstlerische Erbe für kommende Generationen zu sichern.
https://igbildendekunst.at/programm/survival-training-werkverzeichnis/
https://igbildendekunst.at/themen/kunst-alter/
https://vor-nachlass.at/
Sabine Ofenbach ist Kunsthistorikerin und Betriebswirtin und verantwortet seit 2021 die Geschäftsleitung der IG Bildende Kunst.
