Define Redefine. Das große "pay the artist now!" Infotour Finale. (Vasilena Gankovska, in: Bildpunkt #73, 2025)

Define Redefine

Das große pay the artist now! Infotour Finale – ein Bericht, viele Eindrücke

Define Redefine ist mehr als eine Veranstaltung – es ist eine queere, rassismus- und antisemitismuskritische, feministische Versammlung, eine künstlerische Intervention, ein Aufruf zur Handlung!“ meint Sheri Avraham, verantwortlich für die Konzipierung und Organisation der Konferenz. Es ist der finale Stopp der österreichweiten Infotour zu pay the artist now! initiiert von der IG Bildende Kunst und Künstler:innen Vereinigung Tirol – mit Tourstopps in Innsbruck, Klagenfurt, Graz und Linz. Die Wiener Konferenz startete mit emotionalen Danksagungen und einer berührenden, aber zugleich ermutigenden Performance von Nikola Majtanova und Marcin Denkiewicz. Ein weiterer künstlerischer Beitrag waren 16 Gestaltungsvorschläge für das Glossar pay the artist now! zum Schmökern. Die 16 Prototypen stammen von 16 Studierenden der Kunstuniversität Linz.

Kunst, Politik und faire Bedingungen: Lebensrealitäten in der Kunst- und Kulturarbeit

„Dieses Fest schließt nichts ab, es befeuert etwas!“, sagte Brigitte Felderer (Universität für Angewandte Kunst) in ihrer Begrüßung – ein Auftakt, der den Ton für die nachfolgende Podiumsdiskussion setzte. Olga Okunev (Kulturministerium) ermutigte, faire Bezahlung weiterhin hartnäckig einzufordern und zitierte zuversichtlich entsprechende Vorhaben aus dem aktuellen Regierungsprogramm.

Beim anschließenden Roundtable stelle Gitti Vasicek gleich zu Beginn klar, worum es geht, nämlich um Arbeit. Kunst ist politisch – nicht nur in ihrem Inhalt, sondern auch in ihrer Entstehung. Sie entsteht häufig unter prekären Bedingungen, mit hohem Anteil unbezahlter oder ehrenamtlicher Arbeit. Kunstuniversitäten sollten hier eine aufklärende Rolle übernehmen, etwa durch Lectures zu den realen Arbeitsbedingungen in Kunst und Kultur. Ein weiterer Punkt: die strukturelle Dimension im Förderwesen. Es braucht feministische Perspektiven – nicht als Korrektur patriarchaler Strukturen, sondern durch den Aufbau neuer. Dazu zählt auch eine bekannte Kulturrat-Forderung, die öffentlichen Kunst- und Kulturausgaben auf 1% vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu erhöhen.

Daniela Koweindl betonte zentrale Ziele der Fair Pay Debatte: gegen Armutsgefährdung, für soziale Absicherung, gegen Ausschlüsse – was besonders auch Drittstaatangehörige trifft, deren Aufenthalt an Einkommen geknüpft ist. Die Forderung: ein klares Bekenntnis zu Fair Pay und entsprechende Budgets, auch im Angesicht wachsender sozialer Ungleichheit.

Die Kluft zwischen institutionell gut ausgestatteter Hochkultur (Biennalen, große Museen) und der freien Szene wurde durch einige Beispiele deutlich. Letztere kämpft ums Überleben – bei häufig mangelnder Bezahlung und ohne langfristige Perspektiven. Auch das Ehrenamt wurde kritisch beleuchtet. Wer kann sich unbezahltes Engagement leisten? Für Michael Strasser ist es die eigene Entscheidung: Mache ich eine Ausstellung, obwohl nicht (fair) bezahlt wird? Den Spagat zwischen künstlerischer Leidenschaft und existenzieller Notwendigkeit zu schaffen, ist Teil der Künstler:innen-Realität.

Visionäre Ideen gab es ebenfalls. David Prieth plädierte für die Schaffung neuer Förderstrukturen – barrierefrei, transparent, nicht auf einem „Insiderwissen“ basierend. Aus dem Publikum kam der Vorschlag zu einem Kulturstreik. Wer mobilisiert, wer steckt Zeit in die Organisation – und wen er treffen würde, sollte aber zuerst klar werden.

Nicht zuletzt: Altersarmut betrifft viele Künstler:innen. Auch hier ist Fair Pay ein Schlüssel. Sheri Avraham erinnerte an die immer wiederkehrenden Debatten zum bedingungslosen Grundeinkommen, welches aber nicht als Ersatz für faire Bezahlung gesehen werden soll, so Daniela Koweindl. Der Abschluss der Diskussion stand im Zeichen des Austauschs unter Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen – über Hürden, Erfahrungen und mögliche Wege nach vorn.

Eine Radioshow – viele Fragen, viele Ideen

Österreichweit ausgestrahlt auf freien Radiostationen führten am nächsten Tag Natalie Assmann und Ayo Aloba durch sieben Sequenzen voller lebendiger, informativer und ermutigender Gespräche. Zum Auftakt präsentierten Michael Strasser und Edith Payer den Happiness Report: Bildende Künstler:innen zeigen sich als resilient und vergleichsweise zufrieden – die Ergebnisse sind bis 2. Juli 2025 als Ölgemälde und Teil der Ausstellung Define Redefine in der IG Bildende Kunst zu sehen.

„Glaub an dich!“ – unter diesem Motto sprachen Peter Kozek und Barbis Ruder über Budgetierung und Produktionsrealitäten in der künstlerischen Performance. Sie warfen Fragen zu Selbstausbeutung, Selbstoptimierung und der Schwierigkeit transdisziplinärer Förderanträge auf – und in einem performativen Akt goldene Zuckerln ins Publikum. Ihr Plädoyer: neue Begrifflichkeit, ergebnisoffene Förderbedingungen und ehrliche Kostenberechnungen, die die realen Kosten, nicht bloß die zu erwartende Förderung abbilden.

Zum Kuratieren in der freien Szene betonten Katja Stecher und Christine Haupt-Stummer: Faire Bezahlung und transparente Finanzierung sind Grundvoraussetzungen für gute kuratorische und künstlerische Arbeit. Auch Ressourcenteilung – von Technik über Räume bis zu Materialien – hoben sie als zentral hervor.

Meanwhile in den Bundesländern

In der Steiermark kämpft die freie Szene gegen politische Rückschritte auf Landesebene. Noch im Juni 2024 hat der Landtag die in einem umfangreichen Beteiligungsprozess erarbeitete Kulturstrategie 2030 des Landes beschlossen – Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Förderung der Freien Szene inklusive. Diese werden nun von der neuen Landesregierung infrage gestellt: Die Szene wird fragmentiert und ausgehungert, Mitbestimmung droht zu kippen. Jede solidarische Stimme zählt. (kulturlandretten.at)

Räume des Independent Space Index in Wien kämpfen weiterhin mit prekären Bedingungen. Sie bezahlen seit Jahren Ausstellungs- und Künstler:innenhonorare – meist auf Kosten vieler Stunden unbezahlter Arbeit. Francis Ruyter warnt davor, dass Fair Pay nicht auf Kosten kleiner Initiativen gehen darf. Elena Stoißer (IG KiKK) betont: „Fair Pay braucht strukturelle Ausfinanzierung – auch in der freien Szene, ähnlich wie bei den großen öffentlichen Kunst- und Kulturinstitutionen.“ Natalie Assmann erinnerte daran, dass wir auch für kommende Generationen mitverhandeln.

Michael Strasser brachte die Idee eines Equal Pay Days für die freie Szene und geförderte Institutionen. „Institutionen mit Jahresprogrammen und geförderte Ausstellungsprojekte könnten ihrer Realkalkulation einer Fair-Pay-Kalkulation gegenüberstellen und somit den Stichtag ermitteln, ab dem sie nach Fair-Pay-Berechnungen an sich schließen und ihr Programm einstellen müssten bzw. ab dem Stichtag gratis arbeiten. Dieser Tag könnte symbolisch mit einem einheitlichen Logo/ Slogan verdeutlicht werden, um die Sichtbarkeit des Themas zu stärken und somit die Kampagne auch einheitlich als solidarische Aktion wahrgenommen wird“, sagte er dazu. 

Window of Opportunity und Ausblicke 

Die abschließenden Sessions widmeten sich der Reform von Förderstrukturen: Clar* Gallistl und Theresa Awa forderten faire Systeme, transgenerationale Skill-Entwicklung als Teil von Förderungen und neue Strategien, um auch außerhalb klassischer Kulturbudgets Finanzierung zu sichern. „We want the money in the arts, because there is a social value in it“, so Awa.

Oona Valarie Serbest zeigte am Beispiel Linz die Bedeutung von Kulturentwicklungsplänen und Daniela Koweindl betonte die Wichtigkeit von Fair Pay auch als Maßnahme gegen den Gender Pay Gap – es geht um Umverteilung und Gerechtigkeit. Aktueller Ausblick: Von der neuen Bundesregierung wird Fair Pay jedenfalls programmatisch unterstützt – daran werden wir in der interessenpolitischen Arbeit anknüpfen!

Wir sehen uns auf der Straße, bei der nächsten Ausstellung oder Veranstaltung. In diesem Sinne: pay the artist now! 


Vasilena Gankovska war Mitglied der Arbeitsgruppe pay the artist now! und Mitorganisatorin der Infotour.

Die Ausstellung Define Redefine ist bis 2. Juli 2025 in der IG Bildende Kunst zu sehen. Information zur Konferenz Define Redefine unter: http://www.igbildendekunst.at/programm/konferenz-define-redefine