„…das analytische Durchdringen sozialer Prozesse…“

Autosoziobiographie im Gespräch mit Kristina Dreit und Kerstin Putz

Bildpunkt: Die Autosoziobiographie als Genre ist momentan sehr angesagt. Nicht nur in der Literatur sind Herkunftsgeschichten als Auseinandersetzungen mit soziokulturellen Milieus seit den Büchern von Didier Eribon und Annie Ernaux populär wie schon lange nicht mehr. Auch bildende Künstler*innen reflektieren in ihren Arbeiten häufig die gesellschaftliche Eingebundenheit ihrer Werdegänge. Was fasziniert euch an dieser Entwicklung?

Kristina Dreit: Ich finde autosoziobiographische Strategien als feministische Praxis besonders interessant. Dabei denke ich etwa an den feministischen Slogan „Das Private ist politisch“ sowie an Autor:innen wie Anja Meulebeult, an selbstorganisierte feministische Gruppen wie die Prololesben, aber auch an Virginia Woolf, lange vor Annie Ernaux und Didier Eribon. Das vermeintlich Private als durch gesellschaftliche Verhältnisse und Strukturen geprägt zu zeigen, finde ich nach wie vor interessant. Oft befrage ich mich als Rezipientin autosoziobiographischer Literatur beispielsweise auch selbst: Wie ist es denn eigentlich bei mir? Dadurch können auch kleine Momente oder Geschichten eine Kraft entwickeln, die nochmal anders wirkt als etwa statistische Darstellungen.

Kerstin Putz: Mich interessieren Herkunftsgeschichten immer dann, wenn sie eine avancierte Form für das Verknüpfen von Persönlichem und Theoretischem finden, wenn sie analytisch und poetisch zugleich sind. Das kann in der Literatur eine Dringlichkeit und Präzision erzeugen, die keine Milieu-Studie, kein Forschungsbericht einholen kann. Gleichzeitig kann dabei Kollektivität, ja eine Art „Klassengemeinschaft“ beschworen werden, die realiter vielleicht eben nur eine Suggestion bleibt. Auto(sozio)biographisches Schreiben erzeugt immer Identifikationsflächen – das kann bestärkend und empowernd sein, als Leser*innen können wir uns in den Lebensgeschichten der anderen aber manchmal auch etwas zu gemütlich einrichten. Herkunftserzählungen faszinieren aber, denke ich, nach wie vor deswegen, weil sie auf einem „autobiographischen Pakt“ zwischen Autor*in und Leser*in beruhen: auf der Vereinbarung, dass das, wovon sie handeln, gelebtes Leben ist.

Bildpunkt: Kristina, in dem Buch Working Class Daughters (Wien 2024), das du gemeinsam mit deiner Schwester Karolina Dreit gemacht hast, knüpft ihr auch an Didier Eribon an, aber erweitert die von ihm geprägte Perspektive. Worauf kam es euch in den Gesprächen, die ihr über Klasse geführt habt, besonders an?

Kristina Dreit: Der Titel Working Class Daughters kann als Arbeiter:innentöchter gelesen werden, aber auch als Töchter der Arbeiter:innenklasse. Wir haben uns gefragt, wie es vor dem Hintergrund eines Klassenwechsels möglich ist, in Verbindung mit der eigenen Herkunft – in unserem Fall der Arbeiter:innenklasse – zu bleiben. Die Beziehung zur Klasse muss dabei nicht ausschließlich über die Herkunftsfamilie verlaufen, sondern kann auch als Solidarität oder politische Verbindung verstanden werden. Der Versuch, Verbindungen herzustellen und in Verbindung
Linde Waber, Ausstellungsplakat, Galerie auf der Stubenbastei, 1977 zu bleiben (auch wenn das nicht immer möglich ist), war für uns eine wichtige Grundhaltung, um nicht beim Individuellen stehen zu bleiben – im Unterschied zu Eribons Erzählung, die vom Bruch ausgeht. Gerade in Bezug auf Klasse erhalten autosoziobiographische Geschichten auch oft einen heroischen Ton, wenn diese singulär erzählt werden, wodurch das Hinterfragen von Aufstiegsgeschichten in den Hintergrund gerät. Für unser Buch haben wir uns daher entschieden, mit einem Fragebogen zu arbeiten und die Erzählungen als Gespräche am Küchentisch zu arrangieren.

Bildpunkt: Kerstin, du hast die Ausstellung Woher wir kommen. Literatur und Herkunft mitkuratiert, die bis zum 15. Februar im Literaturmuseum zu sehen war. Dabei ging es nicht nur um verschiedene Erzählperspektiven, um „sich Erinnern und neu Erfinden“, sondern auch um konkrete Gegenstände. Welche Bedeutung spielen Dinge für das Erzählen von Herkunftsgeschichten?

Kerstin Putz: Erinnerungsstücke, Alltagsgegenstände aus der Kindheit, Nippes oder Familienfotos spielen in Texten über Herkunft eine große Rolle. Mit solchen Gegenständen verbinden wir nicht nur besondere Ereignisse aus unserer Biographie, familiäre und andere Beziehungen, in ihnen manifestieren sich auch soziale Unterschiede. Wer kann etwas Materielles weitergeben, Immobilien vererben, und wer nicht? Wer fängt mit nichts als einem Koffer neu an, weil alles andere zurückgelassen werden musste? In welchen Wohnzimmern stehen Bücher, in welchen Flatscreens? Und womit haben wir als Kinder gespielt, und warum?

Bildpunkt: Das Erzählen und Bebildern der eigenen Geschichte knüpft an Selbstrepräsentationen von Künstler*innen an, die für Kunst und Literatur konstitutiv sind. Wodurch sollten sich Autosoziobiographien eurer Ansicht nach von gängigen Mitteln und Methoden der Selbstdarstellung unterscheiden?

Kerstin Putz: Durch ihre Perspektive auf Zeitgeschichte, auf Generationalität, auf gender, class, race usw. Durch das analytische Durchdringen sozialer Prozesse, das Erweitern der Perspektive vom Eigenen hin zum Strukturellen. Entscheidend ist wohl das Nachdenken über die eigene Methode: Die Gleichzeitigkeit von Selbstdarstellung einerseits, der Reflexion über die Mittel dieser Darstellung andererseits. Das hat im besten Fall ein suchendes, experimentierendes Moment. Pierre Bourdieu spricht von „Selbstversuch“ bzw. „Autoanalyse“, Paul B. Preciado von „Autotheorie“ und „Körper-Essay“. Sich selbst, das eigene Leben, den eigenen Körper so zum Gegenstand und Ausgangspunkt des Schreibens und künstlerisch Arbeitens zu machen, hat etwas von einer Versuchsanordnung.

Kristina Dreit: Ich habe dazu selbst eine ambivalente Position. Unser Impuls mit dem Buch Working Class Daughters war zunächst, dass wir nicht in Erscheinung treten und auch auf dem Cover des Buches nicht genannt werden wollten. Von Elke Smodics, unserer Verlegerin, kam dann der berechtigte Einwand, dass es auch wichtig ist, Repräsentationen zu schaffen und dadurch Zugänglichkeit herzustellen – vor allem, weil schon die Mehrzahl unserer Gesprächspartner:innen anonym bleiben wollte. Es wäre vielleicht auch interessant zu fragen, warum die meisten anonym bleiben wollten. Gerade in Bezug auf Klasse und Kunst sind Working-Class-, Armuts- und Care-Leaving-Backgrounds immer noch absolute Ausnahmen. Ich freue mich dann immer, wenn ich mögliche Verbündete erkenne. Die Frage ist für mich daher auch, was nach der Selbstdarstellung von Künstler:innen und Autor:innen passiert, ob Menschen dadurch zusammenfinden oder in der Vereinzelung bleiben.

Bildpunkt: Autosoziobiographisches Erzählen hat ja in der Regel einen normativen Anspruch, das Gesagte und Gezeigte soll nicht bloß formales Experiment oder genauere Beobachtung sein, sondern auch in die beschriebenen Klassenverhältnisse eingreifen. Wie beurteilt ihr die Effekte dieser soziologisch-selbstkritischen Welle von Kunstproduktion?

Kristina Dreit: Ich glaube, für mich oder für uns geht es mit dem Projekt Working Class Daughters beispielsweise auch darum, überhaupt ins Sprechen zu kommen. Das ist ein langfristiger und kontinuierlicher Prozess, um so etwas wie ein Klassenbewusstsein denken zu können. Dafür sind autosoziobiographische Strategien, finde ich, sehr hilfreich, auch wenn dies vielleicht zunächst „nur“ im Kontext von Kunst und Kultur passiert. Ich finde, die Frage, wie Allianzen über den eigenen Kontext hinaus entstehen können, wäre dann der nächste Schritt – zusammen mit der Frage, wen das Erzählte erreichen kann. Wenn autosoziobiographisches Erzählen jedoch dazu beitragen kann, dass so etwas wie ein Klassenbewusstsein entsteht, gehen damit im besten Fall auch konkrete Forderungen und Handlungen einher.

Kerstin Putz: Ein Effekt ist bestimmt, dass wir darüber sprechen, dass soziale Verhältnisse im Kunst- und Literaturbetrieb verstärkt diskutiert werden, dass diese Themen an die Unis und Schulen, in die Verlage, Museen und Bars getragen werden. Arbeits- und Lebensverhältnisse sind zäh, eingreifendes Denken braucht einen langen Atem. Vielleicht liegt die Qualität der Kunst- und Textproduktion zu diesem Thema erst einmal in der präzisen künstlerischen Beschreibung und Darstellung sozialer Verhältnisse.


Das „Gespräch“ wurde im Januar und Februar 2026 von Jens Kastner und Sophie Schasiepen per E-Mail geführt.

Kristina Dreit ist Künstlerin und zusammen mit Karolina Dreit Mitautorin des Buches Working Class Daughters. Über Klasse sprechen (Mandelbaum Verlag, Wien 2024). Sie lebt in Berlin.

Kerstin Putz ist Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin am Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Zuletzt erschien von ihr (hg. mit Cornelius Mitterer) Woher wir kommen. Literatur und Herkunft (Zsolnay Verlag, Wien 2025).