Autosoziobiographie und Standpunkt-Autotheorie: Das Selbst als relationale, künstlerische und epistemische Praxis

Soziologische Fallstudie oder situiertes Wissen und verkörperte Erfahrungen? Über Unterschiede zwischen und Gemeinsamkeiten von autosoziobiographischem Schreiben und Standpunkt-Autotheorie

Sowohl Autosoziobiographie als auch Standpunkt-Autotheorie teilen das Interesse an der Verflechtung von gelebter Erfahrung und kritischer Reflexion. Dennoch entspringen sie unterschiedlichen intellektuellen Genealogien und vollziehen unterschiedliche epistemische Gesten.

Autosoziobiographie lässt sich als eine Schreibpraxis begreifen, die sich an der Schnittstelle von Soziologie, Selbstanalyse und Literatur befindet. Das Selbst wird dabei als eine soziologische Instanz behandelt: Individuelle Erfahrungen werden anhand von Strukturen wie Klasse, Rasse, Geschlecht und Institutionen interpretiert, während die Erzählstimme oft eine reflexive, quasi-ethnografische Haltung gegenüber ihrer eigenen Entstehung eingenommen sieht. Ihre analytische Bewegung tendiert zur Entmystifizierung, das heißt zur Aufdeckung, wie persönliche Lebenswege durch soziale Kräfte geprägt werden, und ihre literarische Dimension ermöglicht narrative Experimente sowie affektive Tiefe. Das autobiografische „Ich“ fungiert somit ebenso als expressives Subjekt wie als Objekt soziologischer Untersuchung. Laut Bundschuh-van Duikeren, Jacquier und Löffelbein gewann der Begriff der Autosoziobiographie in Deutschland mit der Übersetzung von Didier Eribons Retour à Reims an Bedeutung. In diesem Roman, der ursprünglich 2009 auf Französisch erschien, reflektiert der Autor und Erzähler über seine Familie und seine Erziehung und verurteilt die Homophobie, der er ausgesetzt war, sowie die vielfältigen Hindernisse, denen er aufgrund seiner sozialen Herkunft in seiner Karriere begegnete. Später, im Jahr 2022, wurde Annie Ernaux mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, inmitten von Debatten darüber, wie ihr Werk einzuordnen sei, das sich zwischen Ethnografie, Soziologie, Geschichte und Literatur bewegt.

Was wir demgegenüber als Standpunkt-Autotheorie bezeichnen, entsteht aus einer Konstellation aus Philosophie, künstlerischer Praxis, Autobiografie, Geschichte und Mythos. Obwohl einige ihrer Ausdrucksformen starke literarische Züge und soziologische Anliegen mit der Autosoziobiographie teilen – hier ebenfalls als eine spezifische Form oder Disziplin der Autotheorie verstanden –, positioniert die Standpunkt-Autotheorie das Selbst nicht in erster Linie als soziologische Fallstudie, sondern stellt situiertes Wissen und die epistemische Autorität verkörperter Erfahrung in den Vordergrund. Theorie steht nicht außerhalb der gelebten Realität, sondern entsteht durch sie. Zu ihren verschiedenen, oft hybriden Formen gehören beispielsweise Mythobiografie, Autohistoria-Teoría oder Sentipensar, die philosophische Reflexion mit künstlerischer Forschung, visueller Kultur, Performance, Archivfragmenten und spekulativen oder mythischen Elementen verbinden. Während die Autosoziobiographie die strukturelle Analyse und soziale Determination betont, privilegiert die Standpunkt-Autotheorie die Positionalität, die Relationalität und die Produktion von Theorie aus historisch und affektiv geprägten Standpunkten heraus. Diese Ausrichtung zeigt sich deutlich in The Argonauts von Maggie Nelson (2015), Zami: A New Spelling of My Name von Audre Lorde (1982), Borderlands/La Frontera von Gloria Anzaldúa (1987) und Testo Yonqui von Paul B. Preciado (2008), die alle Theorie aus verkörperten und historisch situierten Perspektiven generieren und Erinnerung, Mythos und ästhetische Form miteinander verflechten.

In Standpoint Autotheory: Writing Embodied Experiences and Relational Artistic Practices (2025) positionieren wir unsere Arbeit innerhalb dieser letzteren Genealogie, bleiben dabei aber aufmerksam gegenüber den methodologischen Beiträgen der Autosoziobiographie zur Autotheorie im Allgemeinen. Der Band versammelt Texte von Künstler*innen, Filmemacher*innen, Forscher*innen und einem Philosophen, die das Schreiben als künstlerisches und epistemisches Werkzeug einsetzen und die unsere Praxis unter anderem beeinflusst und damit zur Definition unserer Positionen beigetragen haben, seit wir 2011 unser Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien begonnen haben. Aus dieser gemeinsamen Ausbildung entstand eine nachhaltige Kartierung einer lebendigen Genealogie von Gesprächspartner*innen neben einer historischen Genealogie von Künstler*innen und Theoretiker*innen, die Selbstreflexivität als legitime Form der Produktion sowohl von sozialem Wissen als auch von künstlerischer Forschung etabliert haben. Diese Kartierung, die im einleitenden Essay La Auto-cosa:

 Writing Together through Institutions, Artistic Practices, and Critical Imagination dargelegt wird, zeichnet grenzüberschreitende Verbindungslinien nach, die historische und ästhetische Phänomene hervorbringen. In diesem Rahmen geht die Standpunkt-Autotheorie über die soziologische Lesart des Selbst hinaus und rückt das Schreiben als relationale künstlerische Praxis in den Vordergrund. Sie mobilisiert autobiographische und kollaborative Formen, um Theorie aus verkörperten, intersubjektiven und historisch situierten Standpunkten zu produzieren, wobei sie gleichzeitig den Beziehungen zwischen den Generationen, den institutionellen Verflechtungen und den sozialen Bedingungen, die die künstlerische Produktion prägen, Rechnung trägt. Während die Autosoziobiographie zu einer soziologischen Lesart des Selbst innerhalb sozialer Strukturen tendiert, schlägt die Standpunkt-Autotheorie eine transversale Methodik vor, in der Autobiographie, künstlerische Forschung und kritische Theorie zusammenlaufen und die Produktion von Wissen durch relationale, situierte, verkörperte und ästhetisch vermittelte Schreibpraktiken ermöglicht.

→ Gloria Anzaldúa: Borderlands/La Frontera: The New Mestiza. Aunt Lute Books, San Francisco, 1987.
→ Johanna Bundschuh-van Duikeren, Marie Jacquier, Peter Löffelbein: On the Globality of Autosociobiography, in Autosociobiography: A Literary Phenomenon and its Global Entanglements. Johanna Bundschuh-van Duikeren, Marie Jacquier, Peter Löffelbein (eds.), Bielefeld: Transcript, 2025, s. 9.
→ Ana de Almeida, und Mariel Rodríguez: La Auto-cosa: Writing Together through Institutions, Artistic Practices and Critical Imagination, in Standpoint Autotheory, Writing Embodied Experiences and Relational Artistic Practice, 2025: 8–47.
→ Audre Lorde: Zami: A New Spelling of My Name. Indiana: Crossing Press, 1982.
→ Maggie Nelson: The Argonauts. Minneapolis/Minnesota: Greywolf Press, 2015.
→ Paul B. Preciado: Testo Yonqui: Sex, Drugs, and Biopolitics in
the Pharmacopornographic Era. Madrid: Espasa Calpe, 2008.


Ana de Almeida ist Künstlerin und Autorin aus Lissabon.

Mariel Rodríguez ist Künstlerin und -Kulturwissenschaftlerin aus Mexiko-Stadt. Sie haben sich während ihres Masterstudiums in Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien kennengelernt, wo beide derzeit am Institut für Kulturwissenschaften (IKW) promovieren. Gemeinsam haben sie 2025 das Buch Standpoint Autotheory: Writing Embodied Experiences and Relational Artistic Practices bei Sternberg Press herausgegeben.