Autosoziobiografie im Film

Auch im Rahmen des Dokumentar-, Essay- bzw. Experimentalfilms gibt es seit einigen Jahren autosoziobiographische Verfahren und Erzählweisen. Sie transportieren wichtige ethische wie politische Fragen.

„[F]ilmic autobiography comes in many forms“,1 schrieb der US-amerikanische, insbesondere auf Dokumentarfilm spezialisierte Filmwissenschaftler Michael Renov in einem Text von 2008. Damit hat er Recht, und entsprechend gibt es innerhalb der Filmwissenschaft eine lange und differenzierte Diskussion über autobiographisches Filmemachen, die eine ganze Reihe von Konzeptualisierungen und Begrifflichkeiten hervorgebracht hat: von „autobiografischem Film“ über „First-Person Film“ (Lebow, 2012) bis hin zu „domestic ethnography“ bzw. „Autoethnografie“ (Renov, 2004; Russell, 1999). Wenn diesen unterschiedlichen Konzeptualisierungen hier als weitere das autosoziobiographische Filmemachen zur Seite gestellt wird, dann geschieht das nicht mit der Absicht, Autosoziobiografie als ein neues Filmgenre zu hypostasieren. Vielmehr geht es darum, autosoziobiographische Erzählweisen im Film als neuartige Spielart dessen zu akzentuieren, was Renov an anderer Stelle „autobiographical modalities“ genannt hat: „divers approaches to the writing of the self through sound and image“.2

So lässt sich feststellen, dass in den vergangenen Jahren im Bereich des Films eine Reihe von Arbeiten erschienen sind, die das Selbst auf eine Art und Weise thematisieren, die am treffendsten als autosoziobiographisch zu beschreiben ist. Gemeint ist damit, dass diese Filme die autobiographische Selbstbefragung mit einer breiteren soziopolitischen und historischen Perspektive verbinden, dass sie also das Persönliche mit dem Politischen, „die Selbst- mit der Gesellschaftsanalyse“3 verknüpfen und dabei auf der Bedeutung von Klasse und sozialer Herkunft insistieren. Für diese filmischen Arbeiten gilt, was die französische Philosophin Chantal Jaquet für literarische Autosoziobiographien herausgearbeitet hat, welche sie als Texte definiert, die „bestrebt sind, das Leben oder Schicksal eines Individuums in Verhältnis zu seinem Milieu als eine Produktion des Sozialen zu denken, nicht als das Hervortreten eines von jeder äußeren Determination abgeschnittenen Ichs.“4

Beispiele für filmische Erzählungen, die das Ich in diesem Sinne als Produktion des Sozialen denken, lassen sich vereinzelt im Bereich des zeitgenössischen Spielfilms finden, wie etwa Alle reden über das Wetter (D 2022) von Annika Pinske. Als interessanter aber im Hinblick auf die Erfindung genuin filmischer autosoziobiographischer Verfahren und Erzählweisen erweisen sich Arbeiten, die in den letzten Jahren im Bereich des Dokumentar-, Essay- bzw. Experimentalfilms entstanden sind. Hierzu zählt etwa Eine Million Kredit ist normal, sagt mein Großvater (AT 2006), ein experimenteller Found-Footage-Film. Darin arrangiert die österreichische Filmemacherin Gabi Mathe alte Super-8-Filmaufnahmen ihrer Familie zu einer atmosphärisch dichten, von einem unheimlichen Drone-Soundtrack unterlegten Montage und erzählt auf diese Weise, wie das Tischlereiunternehmen ihrer Familie Konkurs

ging. Ebenfalls als Befragung alter home movies ist Les Années Super-8 (FR 2022) angelegt, bei dem die grande dame autosoziobiographischer Literatur Annie Ernaux gemeinsam mit ihrem Sohn David Ernaux-Briot Regie geführt hat.

Ne croyez surtout pas que je hurle (FR 2019) des französischen Filmemachers Frank Beauvais ist ein weitere autosoziobiographisch angelegte Arbeit, die auf Found Footage beruht, wobei es sich hier nicht um privates Filmmaterial handelt, sondern ausnahmslos um Ausschnitte aus Spielfilmen – Spielfilme, die der Filmemacher während einer längeren Phase von depressivem Binge-Watching gesehen hat, nachdem er aus finanziellen Gründen von Paris in die nordfranzösische Provinz umgezogen war, wie ein über die Found-Footage-Montage gelegter Voiceover-Kommentar darlegt. So erzählt der Film eine sehr persönliche Geschichte unter Verwendung unpersönlicher Bilder und stellt derart das Verhältnis zwischen beiden zur Debatte.

Ebenfalls eine Rückkehr in die Provinz und zur eigenen Herkunft – seit Didier Eribons Retour à Reims typisches Verfahren autosoziobiographischen Erzählens – unternimmt Klassenverhältnisse am Bodensee (CH/D 2023) von Ariane Andereggen und Ted Gaier. Darin kehrt die Schweizer Performancekünstlerin Andereggen in ihr Heimatstädtchen am Ufer des Bodensees zurück, besucht ehemalige Klassenkameraden und Familienmitglieder. Sie untersucht ihr Aufwachsen in einer Arbeiterfamilie mit italienischen und deutschen Wurzeln vor dem Hintergrund der Wirtschaftsgeschichte der Region, deren Reichtum auf der Ausbeutung der billigen Arbeitskraft von Einwanderern beruht.

Eine Ausbeutungsgeschichte erzählt auch Mariedl (AT 2014) von Sybille Bauer-Zierfuß, in dem die Filmemacherin ihre Großmutter porträtiert. Eindrucksvoll an diesem mit einfachen Mitteln produzierten Kurzfilm ist vor allem der Umgang mit dem im Bereich auto(sozio)biographischen Filmschaffens sehr häufig anzutreffenden Verfahren des Voiceovers: aus der Perspektive der Großmutter und in oberösterreichischem Dialekt verfasst, aber von der Filmemacherin selbst eingesprochen und dabei technisch beschleunigt, entwickelt das Voiceover von Mariedl einen mitreißenden Sog und adressiert zugleich grundsätzliche Fragen von Authentizität, Fiktionalisierung und Fürsprache, die für die Diskussion der Politik und Ethik autosoziobiographischer Verfahren von zentraler Bedeutung sind. Einen ebenfalls klugen und interventionistisch angelegten Zugriff auf das althergebrachte Mittel des Voiceovers weist Vlog #8998. Korean Karottenkuchen and our Make-up Routine (D 2021) von Ji Su Kang-Gatto auf, in dem die Filmemacherin ihr bi-kulturelles Aufwachsen zwischen Deutschland und Korea verhandelt. Von der Ästhetik her orientiert sich dieser Film an Formaten der zeitgenössischen Digitalkultur wie Vlogs und Tutorials und übernimmt auch deren locker dahinplätschernde Art der Adressierung – ein Sprechen, das zu den in der Folge thematisierten Erfahrungen von Rassismus in krassem Kontrast steht und diese umso schärfer hervortreten lässt.

Einem feministischen Anliegen folgt hingegen der Essayfilm Reproduktion (D 2024) von Katharina Pethke. Der Film untersucht den Status von Frauen als Müttern in Kunst und Wissenschaft, und zwar ausgehend von den eigenen Erfahrungen der Filmemacherin als ehemalige Studentin und Professorin an einer deutschen Kunsthochschule. Konsequent verknüpft Pethkes Film dabei die autobiographische mit einer institutionsgeschichtlichen Perspektive und gibt damit einem Interesse an der Rolle von (Hoch-)Schulen und Bildungseinrichtungen Ausdruck, das genuin autosoziobiographisch ist.

1 Michael Renov: First-person Films. Some theses on self-inscription, in: Thomas Austin, Wilma de Jong (Hg.): Rethinking Documentary: New Perspectives and Practices, Berkshire 2008, S. 39–50, hier S. 49.
2 Ebd., S. 44.
3 Carlos Spoerhase: Nachwort. Zur Autosoziobiographie des Klassenübergängers, in: Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht, Konstanz 2018, S. 231–253, S. 232. Vgl. auch ders.: Politik der Form. Autosoziobiografie als Gesellschaftsanalyse, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Nr. 818, 2017, S. 27–37.
4 Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht, Konstanz 2018, S. 25.


Elena Meilicke ist promovierte Medien- und Kulturwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität der Künste Berlin. Von 2021 bis 2024 war sie Teil des künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprojekts Confronting Realities. Arbeit an filmischen Autosoziobiografien an der Filmakademie Wien.