Seit den ersten PISA-Ergebnissen, die vor einem Vierteljahrhundert bekannt gegeben wurden, wissen wir, dass im deutschsprachigen Raum Arbeiter*innenkinder im Bildungssystem extrem benachteiligt werden. Eine aktuelle Studie Klassismuserfahrungen in Österreich vom Oktober 2025 kommt zu dem Schluss: „In einer solch demobilisierten Klassengesellschaft werden die sozialen Kämpfe nicht mehr als klassenbasierte Konflikte, sondern vielmehr als Fragen der individuellen Verantwortung oder der Leistungsfähigkeit interpretiert, auch von Betroffenen selbst.“
Dass Klassismus heutzutage thematisiert wird, ist auch ein Resultat der autosoziobiographischen Literatur zum Thema Klassismus. Wenn wir metaphorisch die Studien mit ihren Zahlen als Skelett betrachten, geben die Romane Fleisch hinzu. Klassismus wird nicht nur rational erfassbar, sondern durch die Geschichten verstehbar. Meine Kritik: Was dort herumläuft, sind Zombies. Die Medien haben sich dem Problem Klassismus geöffnet, aber nicht dem der Betroffenen entsprechenden Prinzip der kollektiven Solidarität, sondern typisch bürgerlich dem der isolierten Einzelschicksale.
Eine Ausnahme bildete Gabriele Theling. Sie hatte 1986 mit der Diplomarbeit Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden ihre doppelte Benachteiligung als Arbeiter*innentochter an der Hochschule reflektiert. Bemerkenswert war ihre Kritik an dem Marxistischen Spartakus-Bund, der Hochschulgruppe der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Sie konnten dort trotz des klassenkämpferischen Anspruchs der Gruppe ihre Situation als Arbeiter*innentochter nicht thematisieren. Ihr konkreter Ansatz – es bräuchte einen kollektiven Zusammenschluss von Arbeiter*innentöchtern, um etwas ändern zu können – blieb konkrete Utopie. Aber heute ist Thelings Utopie real geworden, es gibt diese Selbstorganisierung, es gibt das Magazin Dishwasher mit autofiktionalen Kurzgeschichten, die aufeinander verweisen und auf die Front der zu kämpfenden Kämpfe. Christian Barons Erstlingswerk hatten wir vom Arbeiter*innenkinder-Referat aus der Uni Münster bezuschusst.
Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wurden antiklassistisch-autosoziobiografische Romane vor allem von Frauen verfasst. Karin Strucks autosoziobiographischer Roman Klassenliebe von 1973 ist hier zu nennen. In ihrem Roman finden sich keine Hinweise auf politische Selbstorganisierungsversuche von Arbeiter*innenkindern an der Hochschule. Sie quält sich alleine durch das fremde akademische Milieu. Ein Schwangerschaftsabbruch führte sie zum Klassenverrat. Ende der 1990er arbeitete sie in der vom Adel organisierten Antichoice-Bewegung mit.
Vielleicht haben wir es dem Front National zu verdanken, dass über Klassismus gesprochen wird. Mit Rückkehr nach Reims wollte Didier Eribon das klassistische Bildungssystem thematisieren. Thematisiert wurde der Rechtsruck des Proletariats.
Der Raum für diese Romane war geöffnet. Christian Barons Ein Mann seiner Klasse wurde bühnenreif. Mit den autofiktionalen Romanen kann seit 10 Jahren Klassismus thematisiert werden. Dennoch sind es Schicksalsromane, umherirrende, traurige Zombies. Sie sind nicht verbunden mit unseren kollektiven Kämpfen.
Andreas Kemper ist Soziologe, hat antiklassistische Gruppen (u.a. Diswasher-Magazin) gegründet und lebt in Münster. https://andreaskemper.org/
