Künstlerische Positionen: Melancholia

Jede Ausgabe des Bildpunkt begleiten drei künstlerische Beiträge, die als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen sind.

Poster: Jelena Micić
Rückseite: ­Johanna Kandl
Bildstrecke: Vasilena Gankovska

Jelena Micić zeigt auf dem Mittelposter die Arbeit Koža (2020), die auf ihrem Familienarchiv basiert. Ausgangspunkt ist eine Reise ihres Großvaters im Auftrag der Schuhfirma ­Leda. Im Rahmen der Arbeiterselbstverwaltung war er in Entscheidungsprozesse der Unternehmensführung eingebunden. 1983 reiste er mit einer Delegation nach Mombasa, Kenia, um die lokale Produktion zu begutachten. Aufgrund der angeblich schlechten Lederqualität wurden keine Verträge abgeschlossen. ­Ledas Standort Knjaževac im heutigen Serbien ist auch Mici´cs Geburtsort. Die Installation besteht aus Fotos von der Reise, auf der ihr Großvater, Arbeiter:innen und Tiere zu sehen sind, Kinderzeichnungen von Mici´c auf ­Ledas Briefpapier, Objekten mit Firmenlogo und Klang – gespielt wird ein populäres Kinderlied der 1970er Jahre, Išli smo u Afriku (Wir waren in Afrika). Mici´c verbindet die Arbeit mit einer kritischen Hinterfragung der Gründungsgeschichte der Bewegung der Blockfreien Staaten, die eben auch neue Märkte für die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien öffnete.

Die Bildstrecke zeigt eine Auswahl aus Vasilena Gankovskas Moscow Cinema Project (2018). 39 Filmtheater in der Peripherie Moskaus sollten nach ihrer Privatisierung Platz für Einkaufs- und Erholungszentren machen und wurden sukzessive abgerissen. Das Projekt zielte darauf ab, die Kinos in ihrem aktuellen Zustand zu dokumentieren, aber auch ihre Umgebung und ihre visuelle Oberfläche kennenzulernen. Das Vorhaben wurde zu einer Zeitreise durch Stile und Epochen, der Erkundung eines Nebeneinanders von visuellen Elementen, Strukturen und Situationen. Die Arbeit ist dem Wunsch nach Erhaltung der Eigenschaften dieser Gebäude verschrieben. Für die meisten Bauten war es die letzte Dokumentation dieser Art und womöglich das letzte künstlerische Projekt, das sich mit ihrer materiellen Präsenz im städtischen Raum beschäftigt: fast alle Kinos wurden bereits abgerissen. Vasilena Gankovska ist bildende Künstlerin und lebt in Wien und Sofia.

Das Bild vom Fritzelack, Logo der Firma O. Fritze, war ein ­bekanntes Werbemotiv der österreichischen Nachkriegszeit. Entwickelt wurde es Anfang des 20. Jahrhunderts von Adolf Karpellus. Es ist ungewöhnlich, weil es vom Scheitern erzählt – vom Lehrbuben, der Farbe verschüttet. Das Bild wurde so populär, dass es in die Umgangssprache aufgenommen wurde: „Einen Fritzelack reißen“ heißt stürzen. 2016 erstellte die Österreichische Post eine Sondermarke mit dem Motiv. Auch auf dem Rollbalken des Floridsdorfer Farbengeschäfts von ­Johanna Kandls Eltern prangte es. Gegen die Konkurrenz von Super- und Baumärkten konnte das Geschäft jedoch nicht bestehen. Johanna Kandls Fritzelack (2002), das auf dem Backcover zu sehen ist, wurde von der Sammlung Essl aufgekauft. Kandl schreibt: „In den späten 60er und frühen 70er Jahren wurden die Supermärkte und Baumärkte zu einer übermächtigen Konkurrenz, die altmodische und unzeitgemäße Geschäfte wie das unsere zunehmend unmöglich machte. Unser Farbgeschäft hat dann auch den ,Fritzelack‘ gerissen. Den ökonomischen Bedingungen angepasst, verkaufe ich Farben als weiterverarbeitetes Produkt.” Heute, 2022, fügt Kandl hinzu, dass Essls Baumarktkette Baumax in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und Hans Peter Haselsteiner der neue Besitzer des Fritzelackbildes wurde – mal sehen … Sie lebt und arbeitet in Wien und Berlin.