Künstlerische Positionen: Das gute Leben für Alle

Drei künstlerische Beiträge begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen.

Bildstrecke: Eliana Otta
Mittelposter: School of Mutants
Rückencover: Rosa Elena Curruchich

Rosa Elena Curruchich (1958–2005) wird als erste Malerin in San Juan Comalapa, Chimaltenango, Guatemala, gesehen. Ab Mitte der 1970er dokumentierte sie als Autodidaktin das Arbeitsleben, religiöse Feste, familiäre und gemeinschaftliche Beziehungen – immer mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Rolle der Frauen. Curruchich stammte aus einer Malerfamilie. Malerei wurde jedoch als Männersache verstanden, sodass selbst ihre Familie ihr Kunstschaffen ablehnte. Dass ein Großteil ihrer Arbeit im Verborgenen stattfand, erklärt das Miniaturformat der Malereien. Die kleinen Formate ließen sich auch während des Bürgerkriegs (1960–1996) diskreter transportieren. Curruchichs erste Ausstellung fand 1979 in der Alianza Francesa in Guatemala-Stadt statt, wo sie alle Arbeiten verkaufte. Das auf dem Rückencover abgebildete Rosa Elena pintando caserío Chosij (ca. 1980er) ist außergewöhnlich, weil es die Künstlerin selbst zeigt. Rosa Elena Curruchich bezeichnete ihre Arbeiten als „Maya-Kaqchikel-Malerei“.

Die School of Mutants ist eine kollektive Plattform, die 2018 von Hamedine Kane und Stéphane Verlet Bottéro in Dakar initiiert wurde. Basierend auf Feldforschung, Archivrecherche, öffentlichen Versammlungen und Multimedia-Ausstellungen entwickeln sie eine spekulative Archäologie der Spuren und Erinnerungen an Bildungsutopien und universitäre Experimente, die auf die Unabhängigkeit Senegals folgten: Die Universität der Mutanten (1978–2005), Mudra (1977–1982), die Universität der afrikanischen Zukunft (1992–2005), die École des Sables (1998-), und andere. Derzeit weiten sie ihre Forschung zur „Mutantenpädagogik“ aus, die ein breites Spektrum von Initiativen in der Wissensvermittlung und -produktion auf dem afrikanischen Kontinent und in der afro-diasporischen Welt nach der Unabhängigkeit umfasst. Auf dem Mittelposter ist eine Charta der Mutant:innen des Kollektivs auf Wolof, Französisch und Englisch zu sehen.

Die Bildstrecke zeigt Arbeiten von Eliana Otta, einer peruanischen Künstlerin, die in Europa lebt. Mit Zeichnung, Video, Textilien und Text schafft sie Situationen, in denen Intimität, Neugierde und Verletzlichkeit geteilt werden können. Otta versteht Kunst als Raum, in dem Gemeinschaft hergestellt und andere mögliche Welten erprobt werden können. Derzeit konzentriert sie sich darauf, wie wir von nicht-westlichem, althergebrachtem Wissen lernen können, um zeitgenössische Rituale für etwas zu schaffen, das sie „befruchtende Trauer“ nennt: ein kollektiver Zugang zu Trauer als regenerativer Praxis, die Binarismen und Hierarchien auflösen kann, welche auf dem Gegensatz zwischen Leben und Tod aufbauen. Diese Arbeit möchte zu einer wachsenden Bewegung beitragen, die Buen Vivir erweitert: ein ganzheitliches Verständnis der Beziehungen auf der Erde als co-abhängig und basierend auf dem Gesetz der Gegenseitigkeit, bei dem der Mensch nicht Mittelpunkt, sondern eine weitere Spezies unter anderen fühlenden Wesen ist.