1968 und wenige andere Zahlen

1968: amerikanische Sprinter liefen gegen Rassismus – und wurden aus dem Team ausgeschlossen. 1968: 500 ermordete Studierende. 1968: zwei Mal Olympische Spiele. 1968: unzählbare Morde von dem einem und der anderen mit und ohne Namen – mit politischen Konsequenzen oder auch ohne. Keine Angaben über die Zahl der Trauernden. 1968: soziale und politische Bewegungen werden verbunden. 1968: die Todesstrafe in Österreich wurde voll ständig abgeschafft. Gruppe 47: gerade nicht mehr 1968. 1968: ein Zentralkomitee und mehrere Amnestien – zwar lange davor, wirkte trotzdem nach. 1968: 4 Jahreszeiten – ein Frühling. 1968: erstes Asylgesetz in Österreich. 1968: Genfer Flüchtlingskonvention gilt nicht mehr nur in Europa, aber dafür weniger. 1968: Fremdarbeiter werden zu Gastarbeitern – zumindest in Österreich. 1968: 50 Jahre Bauhaus. 1968: LSD in Österreich immer noch nicht verboten. 1968: „Humanae vitae“-Geschlechtsverkehr und „gottgewollte Fortpflanzung“ sollen untrennbar miteinander verknüpft sein. 1968: Entrüstung – Fast alle Mädchen in Wiener Mädchenschulen würden die Pille nehmen. 1968: revolutionäres Potential von Sex und Sexualität. 1968: zum ersten Mal „Das Wunder der Liebe“. 1968: neue Romane, Gedichte, politische Balladen, Fernsehserien und Filme. 1968: neue Präsidenten. 1968: Prozesse und Urteile. 1968: Basisgruppen und außerparlamentarische Oppositionen. 1968: Reformkommunist löst Stalinisten ab. 1968: ein Land marschiert in ein anderes ein, gleich nebenan. 1968: 160 000 Flüchtlinge; die meisten vorübergehend. 1968: eine unbekannte Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen. 1968: ein Manifest der 2000 Worte wird unterzeichnet. 1968: Warnungen, Hoffnungen, Kritiken und Utopien. 1968: Proteste und unbrauchbare Interpretationen. 1968: neue Perspektiven im Widerstand. 1968: Idole schauen durch den Vorhang zu. 1968: 600 000 warten auf ein Tagebuch. 1968: ein sozialistischer Staat bekommt eine Verfassung. 1968: Kriege und Kämpfe in vielen Ländern. 1968: Universitäten werden geschlossen. 1968: Internationaler Philosophenkongress. Wie kann der Marxismus interpretiert werden? Viele schwierige Fragen. 1000 nehmen teil. Nicht so viele Antworten. 1968: das Private ist nicht mehr privat. 1968: zum ersten Mal gegen den Opernball. 1968: ich war 4 Jahre alt und bekam eine Schwester. 1968: Störenfriede und mehr. 1968: Entsetzen über Verhältnisse an Österreichs Hochschulen. 1968: erster Akademie-Gschnaß in der Secession. Mit Billionen hoch zwei hoch drei Haaren. 1968: diplomatische Beziehungen werden wieder aufgenommen und Anwerbeabkommen abgeschlossen. 1968: ein dichtes Jahr. Ein Jahr danach: ein Mensch, ein Mond.

40 Jahre danach: Erinnerungen, Zurechtweisungen, neue Kriege, Analysen, Theorien, Aktionismen, neue Gesetze, neue Grenzen, neue Zahlen, andere Subjekte, neue Ausdrucksformen, mehr Zugänge, mehr Öffentlichkeiten, andere Massen warten auf andere Bücher, neue Inhalte, Internet und Handy, neue Organisationsformen und Allianzen. 3040 Zeichen. 40 zu viel.


Vlatka Frketic ´, verqueert nicht mehr nur den Antirassismus, sondern Alles und Überhaupt