Die kurze Schrift Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (1849) von Henry David Thoreau (1817–1862) gehört zu den einflussreichsten Texten sozialer Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Die darin formulierte Aufforderung zum Gesetzesbruch wurde zum Kern zivilen Ungehorsams: „… wenn aber das Gesetz so beschaffen ist“, schrieb Thoreau, „dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz.“ Von Thoreau selbst angesichts von Sklaverei und der US-Intervention in Mexiko (1846–1848) als individuelle Gewissensfrage formuliert, entwickelten... mehr
Die kurze Schrift Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (1849) von Henry David Thoreau (1817–1862) gehört zu den einflussreichsten Texten sozialer Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Die darin formulierte Aufforderung zum Gesetzesbruch wurde zum Kern zivilen Ungehorsams: „… wenn aber das Gesetz so beschaffen ist“, schrieb Thoreau, „dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz.“ Von Thoreau selbst angesichts von Sklaverei und der US-Intervention in Mexiko (1846–1848) als individuelle Gewissensfrage formuliert, entwickelten verschiedene Bewegungen aus der Pflicht zum Ungehorsam politische Konzepte. Diese waren auf verschiedene Arten kollektiven Handelns zugeschnitten und dem jeweiligen Kontext angepasst. Die antikoloniale Befreiungsbewegung um M. K. Gandhi praktizierte massenhaft Formen zivilen Ungehorsams, für die Schwarze Bürgerrechtsbewegung der 1960er in den USA wurden sie zentral, aber auch in der französischen Résistance spielten sie eine nicht unbedeutende Rolle. Wie die Aktionsformen der Bewegungen haben sich aber auch die Gehorsamsanforderungen des Staates gewandelt. Sie sind diffundiert, in die Subjekte selbst verlegt. Wenn sich gegenwärtiges Regieren nicht mehr in erster Linie als repressives Gegenüber darstellt, sondern als neoliberale Gouvernementalität sogar die Kreativität der Subjekte „fördert und fordert“, dann ist mit dem Gesetzesbruch allein nicht mehr viel anzufangen für emanzipatorisches Handeln. Wichtiger als der berühmte Appell Thoreaus wird dann vielleicht ein anderer Satz aus seinem Traktat: Nur ein paar Zeilen weiter heißt es in Über die Pflicht zum Ungehorsam … auch: „Ein Mensch soll nicht alles tun, sondern etwas; und weil er nicht alles tun kann, soll er nicht ausgerechnet etwas Unrechtes tun.“ Nicht alles tun heißt einerseits, nicht mitzumachen, sich zu verweigern und dabei möglicherweise auch radikalmoralistische Politansprüche, immer alles tun zu müssen, von sich zu weisen. Andererseits heißt es, sich nicht dumm und passiv machen zu lassen, also wenigstens etwas zu tun – was und was nicht, unter welchen Umständen und wie, genau das debattiert diese Ausgabe des Bildpunkt. Denn auch künstlerische Arbeiten haben diese Debatten losgetreten, ausgelöst oder geführt, haben sie dokumentiert oder interventionistisch umgesetzt.
Hatte Lenin auf die Frage „was tun?“ noch eindeutig und mit avantgardistischer Arroganz geantwortet (die Partei aufbauen und den ArbeiterInnen das Klassenbewusstsein bringen), fallen zeitgemäße Antworten ambivalenter aus: „Ichstreik. Prekarität, Arbeit und Alltag“ war beispielsweise auf einem Plakat zu lesen, das das Berliner Grafik-Büro image-shift.net zum letzten Mayday im Rahmen einer Posterserie entwickelt hatte. Siebzig Jahre zu vor hatten britische SurrealistInnen die Demonstrationen am 1. Mai dazu genutzt, um – mit Masken von Regierungschef Chamberlain verkleidet – dagegen zu protestieren, dass die britische Regierung im Spanischen Bürgerkrieg nicht für die RepublikanerInnen und gegen Franco Partei ergriff. Die künstlerischen Mittel stehen zwischen der Lenin’schen Frage und der Thoreau’schen Antwort immer auch selber zur Debatte. So hatte die auf Seiten der Republik kämpfende Künstlerin Felicia Brown, nur wenige Tag e bevor sie von Faschisten erschossen wurde, aus Spanien geschrieben: „If there is no painting or sculpture to be made, I cannot make it.“
Jens Kastner, Koordinierender Redakteur
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